Nachruf : Helma Fehrmann (Geb. 1944)

"Rote Grütze - zu scharf für Kinder?"

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Ein Besuch bei den Eltern in Wolfsburg ist für Helma Fehrmann und ihre Tochter Nina jedes Mal ein Weltensprung. Der VW Käfer, mit dem sie aus Berlin kommen, ist bunt. Nina und ihre Freunde haben das Auto mit roten Sonnen und lachenden Gesichtern bemalt. Helma trägt eines ihrer indischen Spiegelhemden mit Trompetenärmeln, die blonden Locken – eine ungebändigte Mähne. Hat sich hier eine Hippie-Familie aus der West-Berliner Wohngemeinschaft ins späte Wirtschaftswunderdeutschland verfahren? Wenn sie am Abend schweigend am Esstisch sitzen und nur die Messer auf den Tellern zu hören sind, wird Helma wieder klar, warum sie ein paar Jahre zuvor so dringend von hier weggehen musste.

Das Schweigen, die Sprachpirouetten, die das gute Benehmen so mit sich bringt, das alles macht Helma wütend. Sie will Antworten. Sie will aber auch die richtigen Fragen finden. Helma sucht in Büchern und macht eine Buchhändlerlehre, sie sucht weiter, arbeitet beim Dokumentarfilm und findet schließlich den Weg zur Schauspielerei. So wird sie mit der Zeit zu einer Künstlerin des Fragens.

„Vom Kinderkriegen und Kindermachen, Liebhaben, Schämen, Angsthaben, Lusthaben und was noch alles vorkommt“, davon handelt 1973 das erste Theaterstück, das Helma mit ihrem Freund Holger Franke und vier weiteren Schauspielern aus dem Umkreis des Berliner Grips-Theaters aufführt. Sie spielen im Nebenraum des Kreuzberger Lokals „Mampf“ und nennen sich „Theater Rote Grütze“. Das Aufklärungsstück heißt „Darüber spricht man nicht“. Die Kinder im Publikum sind begeistert, sie können mitmachen, keine Frage ist tabu. Die Erwachsenen sind beeindruckt, wie es den Schauspielern gelingt, zwei Stunden ohne jede Peinlichkeit über die heikelsten Dinge zu sprechen und auch noch unterhaltsam von der Angst der Eltern vor der Kinderaufklärung zu erzählen.

Als die Presse aufmerksam wird, ist der Erfolg nicht mehr aufzuhalten: Von „Brutalaufklärung und Theaterferkelei“ ist die Rede, „sexuelle Enthemmung“ wird befürchtet und „Bild“ fragt: „Rote Grütze – zu scharf für Kinder?“, Politiker der CDU fordern Auftrittsverbote.

Der Trubel ist die beste Werbung, und Helma geht mit der „Roten Grütze“ auf Tournee durch die Bundesrepublik. Sie spielen in Schulen, Zelten und auf freien Bühnen. In Wolfsburg, der Stadt ihrer konservativen Eltern, haben sie vor hunderten Zuschauern zwei Auftritte in einer Kirche. Der Pfarrer jubelt: „So voll war es hier noch nie!“

Das nächste Stück, „Was heißt hier Liebe?“ wird ein Klassiker des Kinder- und Jugendtheaters, in über 20 Ländern gespielt und über Jahrzehnte für viele das allererste Theatererlebnis überhaupt.

Auch andere Themen des Erwachsenwerdens behandeln die Theaterleute. Drogen oder Gewalt – sie finden immer die richtige Sprache und einen unmittelbaren Zugang zu ihrem Publikum.

„In jedem Handeln gibt es ein Element des Glücksspiels; denn man muss seine Überlegungen abbrechen, bevor der Gegenstand erschöpft ist“, schreibt der französische Philosoph Emile-Auguste Chartier in dem Buch „Die Pflicht, glücklich zu sein“. Helmas Hunger nach Erfahrungen, nach Wirklichkeit ist trotz des Erfolgs und dem Applaus im Theater nie ganz gestillt. Zwischen den Theatertourneen studiert sie Sozialpädagogik.

Als 1989 die Mauer fällt, wird Berlin wieder zum Labor für neue Lebensentwürfe. Für viele schlägt das Gefühl der neuen Freiheit und des Aufbruchs aber bald in Frust um. Helma macht eine Müdigkeit in der Gesellschaft aus, die vor allem Jugendliche erstarren lässt oder aggressiv macht. Sie gibt an Schulen und Kitas Seminare für Erzieher und Lehrer. Es geht um Toleranz, Demokratie und Konfliktbereitschaft.

Bin ich noch Partner oder schon Objekt? Was wird mir verschwiegen? – Fragen, die sich Helma nach einer niederschmetternden Diagnose in der Charité stellt. Aber weder die Ärzte noch die Krankheit geben klare Antworten. Also kehrt sie zurück in ihre Wohnung voller Bücher und Arbeit und verkämpft sich nicht mit dem Ungewissen, sondern lebt einfach weiter.

Als es nicht mehr geht, findet sie einen Ort, an dem sie bis zum Schluss lebendig sein kann. Kann sterben gelingen? Im Hospiz Havelhöhe gibt ihr ein Pfleger eine einfache Antwort: „Ja, die Performance muss stimmen“. Die Performance stimmt, ein paar Tage vor ihrem Tod malt Helma, die ewig Rastlose, ihr erstes Bild, ein Stillleben mit Tulpe.

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