Nachruf : Jörg Pfeifer (Geb. 1965)

Sie nannten ihn „Hase“, weil er mitten im Lauf die Richtung ändern konnte

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Jörg Pfeifer (Geb. 1965)
Jörg Pfeifer (Geb. 1965)Foto: privat

Im Berliner Ensemble zum Beispiel: Gegeben wird die „Dreigroschenoper“, der 2. Akt geht gleich zu Ende, in Kürze wird der Vorhang fallen, dann können alle in die Pause, vorher aber tritt Macheath noch einmal auf die Bühne und singt: „Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt, / Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Ganz stimmen die Balladenzeilen nicht, der erste Teil der Moral liegt ja schon hinter den Zuschauern und ein bisschen Fressen vor dem zweiten kann nicht schaden. Das Publikum drängt auf den Bertolt-Brecht-Platz, schnurstracks zu auf einen jungen Mann, der einen Weidenkorb mit Bergen von Laugenbrezeln darin in den Händen hält. Moral macht hungrig.

Die Szene spielt sich auch vor der Philharmonie und der Deutschen Oper ab. Selbst Schwaben und Bayern sagen, dass die Brezeln, die es vor den Theatern gibt, die besten seien, die man in Berlin bekommen kann.

Der, der auf die Idee mit den Körben gekommen ist, kam aus Erfurt, wollte 1987 über Ungarn in den Westen fliehen und landete in Bautzen. Nach acht Monaten Haft und einem Freikauf kam er nach Kreuzberg, zusammen mit Leuten, denen der Trott gerader Lebensläufe ebenso wenig bedeutete wie ihm, Jörg Pfeifer, den alle „Hase“ nannten.

Tatsächlich beherrschte er diese Kunst ausgezeichnet: mitten im Lauf die Richtung zu ändern. Schlosser sollte er in der DDR werden, brachte die Ausbildung zwar zu Ende, machte sich dann aber schleunigst aus dem Staub.

Doch konnten er und die Kreuzberger Freunde ja nicht tagein, tagaus in den Kneipen und den Hinterhöfen hocken. Wir müssen was machen, fanden sie und kamen auf die Idee mit den Brezeln. Keiner von ihnen hatte eine tiefere Beziehung zu diesem Fastengebäck. Aber schnell war klar: Gegen ein Happen nach der Bildung hatten die Bürger nichts einzuwenden.

Am Anfang, zu Wendezeiten, sind sie mit 50 Brezeln losgezogen, noch tiefgefrorenen und dann aufgebackenen, zur Reichstagsverhüllung schon mit 1000, später zu den Bundesligaspielen mit 15 000, selbst gebackenen jetzt. Und, abgedroschen hin oder her, die Geschichte klingt ziemlich amerikanisch: Vom Straßenverkäufer zum Verhandlungspartner des Olympiastadions. Jörg hatte weder kaufmännisches Wissen noch eine Bäckerausbildung, leitete aber irgendwann ein Unternehmen mit 60 Angestellten und versorgte die halbe Stadt mit Brezeln. Überall tauchte das Logo der „Brezel Company“ auf, ein springendes rotes Männchen, auf der Fanmeile, am Flughafen, im Bundestag, im eigenen Café.

Für dessen Eröffnung brauchte Jörg zusätzliche Leute. Linda hatte gerade Zeit. Es lief gut, sie fand sich schnell zurecht, mochte den Chef – und er mochte sie. Irgendwann so sehr, dass er sie anrief: „Du kannst hier nicht mehr arbeiten.“ Eine Beziehung am Arbeitsplatz erschien ihm nicht angebracht.

Sie zogen zusammen. Vor allem sprachen sie miteinander, immer und überall, am Morgen in der Küche bei einem Kaffee, am späten Nachmittag bei einem Glas neben dem Bouleplatz am Paul-Lincke-Ufer, am Abend wieder in der Küche, und sahen sie sich nicht, tagsüber, schrieben sie kleine Briefe. Manchmal packte er sie und tanzte mit ihr einen kleinen verrückten Tanz. Oder sie flogen nach Buenos Aires, wo es ihm aber zu laut und stickig war, er pfiff auf das schon bezahlte Hotel, und so ging es zwei Wochen früher hoch nach Costa Rica.

Oft spielten sie mit dem Gedanken auszuwandern, für zwei, drei Jahre erst mal, um dann weiterzusehen, weiterzureisen. Seine ständige Lust, unterwegs zu sein, Linda die Welt zu zeigen, nicht nur die große, auch die kleine, am Wochenende, an einem Brandenburgischen See. Trotzdem war er da für das Unternehmen, das wuchs, für die Freunde, für die, für die sich sonst keiner mehr interessierte. Einer dieser Einsamen hatte irgendwann den Spruch auf seinem Anrufbeantworter geändert: „Hallo Jörg, ich bin im Moment nicht zu Hause.“

Manchmal, in der Nacht, stand er allein auf, setzte sich an den Küchentisch, rauchte und kam nicht zur Ruhe: die Arbeit, die Angestellten, die ganze Verantwortung. Erst kürzlich hatte er sich mit Linda eine Wohnung in Dresden ausgesucht, wollte sich herausziehen aus dem Geschäft, ein Atelier einrichten, wieder malen. Aber dann sagte die Ärztin: „Wenn Sie richtig Glück haben, haben Sie eine schwere Lungenentzündung.“ Er hatte kein Glück: Vier Monate blieben ihm, denn es war keine Lungenentzündung.

Jörg liegt auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Kreuzberg. Linda besucht ihn und schreibt an eine Freundin: „War heut beim Hasen, die Blumen sind immer noch wunderschön und die Sonne schien fast. Hab was von seinem Lieblingsknabberzeug rumgeworfen, dann besuchen ihn die Eichhörnchen, die sind dort handzahm!“

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