Nachruf : Karsten Walter (Geb. 1938)

„Das muss man doch reparieren können.“

Anselm Neft

1974: Karsten Walter liegt auf dem Wohnzimmerteppich vor einem fiependen Fernseher und wirkt mit einem feinen Schraubenzieher in dessen Innenleben. Ringsum stehen Revox-Bandgeräte, Mischpulte, Verstärker, Tonbandgeräte von Uher. In der Küche bereitet seine Frau Rouladen zu. Sohn Axel, sechs Jahre alt, hält ihr ein Mikrofon unter die Nase: „Frau Walter, wir sind auf Sendung. Was genau machen Sie da?“

Renate ist Karsten Walters dritte Ehefrau. Kennen gelernt haben sich die beiden in einer Konditorei, wo sie mit blonder Hochsteckfrisur auf einen anderen Mann gewartet hat. Zum Glück hatte der sie versetzt. Renate weiß von Anfang an, auf wen sie sich eingelassen hat: Einen Mann, dessen Leidenschaft die Technik ist. Er kann sich stunden- und tagelang damit beschäftigen. Seinem Sohn sagt er wieder und wieder: Du musst genau hingucken! Wer genau hinguckt, sieht den Fehler, und Fehler sind da, um behoben zu werden. Ähnlich ist das mit dem Rauchen: Früher rauchte Karsten Walter zwei Schachteln Roth-Händle am Tag. Im Frühjahr 1974 hört er nach einer ausgelassenen Party einfach damit auf und fängt nie wieder an. Problem gelöst.

1957: Karsten Walter sitzt uniformiert in Sonthofen im Allgäu und lernt das Morsealphabet. Er hat sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet. Ohne Begeisterung fürs Militärische, aber mit großem Interesse an der Funktechnik. Die enge Wohnung in Steglitz, die er sich mit drei jüngeren Geschwistern, einer Mutter und einem sehr strengen Vater teilen musste, wollte er schon frühzeitig verlassen. Bei der Bundeswehr bekommt er Kost und Logis, einen Sold und eine Ausbildung dazu. Problem gelöst.

1977: Karsten Walter sitzt im K1, dem Kontrollraum 1 des Rias- Funkhauses. Von hier kommen alle Live-Sendungen. Und von hier tönt die „freie Stimme der freien Welt“ im dröhnenden Timbre markanter Siebzigerjahre-Radiosprecher wie Reinhard Bülow, Karl-Heinz Wunder oder Helmut Gerlingen. Es ist die Zeit von sechs Minuten langen Moderationen und von Live-Radiosendungen vor Publikum wie „Wer fragt gewinnt“ und „Spaß muss sein“ mit Hans Rosenthal. Karsten Walter ist vom Sendetechniker zum Toningenieur aufgestiegen. Die verwendeten Bänder müssen auf die Sekunde genau geschnitten, die Übergänge unhörbar sein. Mit Bedacht drückt er den Knopf für das Rias-Pausenzeichen, wann immer es fällig wird. Durch Glaswände hat er die Sprecher genau im Blick. Nachher, am Abend, werden die Kollegen neben Bandmaschinen und Mischpulten zusammen essen, was sie mitgebracht haben. Keiner wird auf die Uhr schauen. Der Rias ist eine große Familie.

1996: Ein schlaksiger Praktikant steht vor Karsten Walter, der mittlerweile Chef der Toningenieure ist. „Schau mal, das geht doch besser!“, sagt Karsten Walter.

„Na und? Das bisschen Knacken hört doch eh keiner“, sagt der Praktikant.

„Ich höre es“, sagt der Chefingenieur mit strenger Stimme.

2005: Karsten Walter sitzt an seinem 67. Geburtstag in gemütlicher Runde bei seiner Familie und Freunden, als ihn ein beißender Schmerz zu Boden zwingt. Sofort wird der Notarzt gerufen. Im Krankenhaus Neukölln muss notoperiert werden. Diagnose: Darm- und Leberkrebs. Der Tumor drückt einen Nerv am Rückgrat ab. Karsten Walter droht die Querschnittslähmung. Er hätte schon viel früher zu einem Arzt gehen müssen. Doch was hätte der wieder zu seinem gesunden Appetit und seinen schlechten Cholesterinwerten gesagt? So gerne ging er essen. Er liebte die herzhafte Kost. Das nie zu stillende Nachholbedürfnis aus der Nachkriegszeit.

Die Operation gelingt: Problem gelöst. Vorerst.

2006: Karsten Walter fährt auf dem Gelände seines geliebten Car Clubs Lichterfelde heimlich im Auto seines Bruders ein paar Runden. Zum Erstaunen seiner Ärzte hat er wieder laufen gelernt und will es nun nicht einsehen, warum er nicht auch wieder Auto fahren soll. Als Renate und Sohn Axel davon erfahren, sind sie wenig begeistert.

2007, Februar: Nach drei Chemotherapien stellt Karsten Walter der Onkologin noch immer dieselbe Frage: „Wie geht es jetzt weiter? Das muss man doch reparieren können.“ Dabei hatte sie ihm schon beim ersten Mal geantwortet: „Dieser Krebs ist unheilbar. Sie werden daran sterben. Am Schluss werden Sie ganz langsam hinübergleiten in eine andere Welt.“ Karsten Walter bleibt ganz sachlich. Er hat nicht gelernt, starke Gefühle zu zeigen.

2007, Mai: Mit einem schmerzhemmenden Morphiumpflaster auf dem Rücken liegt er zu Hause im Bett. Die Familie hat gemeinsam beschlossen, dass es hier zu Ende gehen soll. Renate hat bereits ihre eigene schwer kranke Mutter zwei Jahre bis zum Tod gepflegt. Nun widmet sie alle Zeit und Kraft ihrem Mann. Zum Schluss kann er nicht mehr sprechen, dann versteht er nicht mehr, wenn man ihn anspricht. Schließlich blickt er durch seine Frau und seinen Sohn hindurch, als seien sie Schemen aus einer fremden Welt.

Am 10. August holt Karsten Walter ein letztes Mal Luft. Der Krebs war nicht zu reparieren.

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