Nachruf : Wenigstens noch mal an die Ostsee

Zum Tod des Politikers Thomas Kleineidam.

von

Es muss für ihn eine schöne Zeit gewesen sein, noch einmal im Juli mit seiner Familie an die Ostsee gefahren zu sein. Man hörte am Telefon einen wie immer ruhigen, einen aufgeräumten und im sachlichen Ton argumentierenden SPD-Innenpolitiker. Um die Dealer aus dem Görlitzer Park zu bekommen, bat damals Thomas Kleineidam die Polizei, den Görlitzer Park zum Schwerpunkt für Einsätze zu machen. „Dort muss Präsenz gezeigt werden, um den Besuchern wieder ein Sicherheitsgefühl zu geben.“ Als aber Autos von Anwohnern von Linksextremisten angezündet wurden, da war für den innenpolitischen Sprecher seiner Fraktion das Maß voll. Das seien „Spinner, die Gewaltfantasien auslebten“ und krampfhaft nach Rechtfertigung suchten. Was Thomas Kleineidam nicht mochte, war fehlende Logik. In der Politik, im Privaten. Krankheiten haben schon gar keine Logik, wenn man Familienvater ist und sich nach zwei erwachsenen Nachkommen im Jahr 2009 und 2011 über weiteren Nachwuchs freute. Damals war Thomas Kleineidam schon über 50. Mit den Kleinen fange er „wieder bei null an“, feixte er damals. Und hätte das Großziehen gerne auch praktiziert, wenn ihn nicht Ende 2010 eine Lungenkrebsdiagnose aus dem Alltagsleben gerissen hätte. Ein Achtel der Lunge wurde ihm entfernt, eine Metastase im Gehirn, Chemotherapie folgte. Thomas Kleineidam ging mit seiner Krankheit offen um. Und er hoffte so sehr, dass er gesund blieb, keine weiteren Metastasen gefunden wurden. Bis Mitte dieses Jahres. Der gebürtige Berliner und Jurist zog 1999 ins Abgeordnetenhaus ein. Viermal gewann er seinen Spandauer Wahlkreis als Direktkandidat. Er war Vorsitzender der G-10-Kommission des Landes und innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, für die er einen festen Platz am Rednerpult des Plenums hatte. Thomas Kleineidam war einer von der Sorte Politiker, denen es um die Sache geht, die nicht prätenziös agieren und um Ausgleich und Verständnis bemüht sind. „Er war für mich immer ein verlässlicher Partner in der Koalition. Auch als ich noch innenpolitischer Sprecher der Fraktion war, war Thomas Kleineidam ein besonnen agierender Politiker. Er war ein sympathischer Mensch“, sagte CDU-Innensenator Frank Henkel dem Tagesspiegel. Und für Grünen-Innenpolitiker Benedikt Lux war sein SPD-Kollege „souverän und hatte alle Seiten im Blick“. Sowohl Henkel als auch Lux sagen beide für sich: „Ich werde Thomas Kleineidam sehr vermissen.“ Die SPD-Fraktion ist geschockt. Seine Parteifreunde schweigen und trauern mit seiner Familie. Es fehlen die Worte. Niemand dachte an eine jähe Lebensendlichkeit, zumal ihr Kollege vor der Sommerpause noch agil wirkte. Thomas Kleineidam ist mit 55 Jahren in der Nacht von Freitag auf Sonnabend gestorben. Sabine Beikler

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar