Nachruf : Wilhelm Braun (Geb. 1929)

Er war der dienstälteste Mitarbeiter der Brüder Grimm

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Wilhelm Braun war Wörtersucher. Beharrlich folgten Ohr und Auge den Lauten und Schriftzeichen um ihn. Was er fand, notierte er auf Zettel, die er in kleine hellbraune Kästen aus Karton steckte. An den Rändern waren sie mit dunklem Stoffband verstärkt.

Die Brüder Grimm hatten mit alldem angefangen: Ließen sich von Helfern aus allen Ecken Deutschlands Beispiele für die Verwendung von Wörtern schicken, sortierten sie und machten daraus das „Deutsche Wörterbuch“. Mehr als hundert Jahre nach den Grimms begann Wilhelm Braun seine Arbeit am größten deutschen Wörterbuch. Er war es gewohnt, in langen Zeiträumen zu denken. Geduldig knüpfte er dort an, wo frühere Generationen vorgearbeitet hatten. So kann es geschehen, dass man in einem Kasten aus Brauns frühester Zeit beim „Deutschen Wörterbuch“ neben seinen eigenen Einträgen plötzlich auf Zettel der Brüder Grimm stößt.

Die Grimms schafften es bis zum F, dann starb Jacob. Generationen von Nachfolgern vor allem in Berlin und Göttingen führten das Wörterbuch fort, bis 1971. Der letzte Artikel der Erstausgabe stammt von Wilhelm Braun: der Artikel „Wiking“ von 1961. Damit war seine Mitarbeit lange nicht beendet, insgesamt 50 Jahre sollte er sich beteiligen, länger als die Grimms selbst. Nachdem die Erstausgabe fertig war, machte er sich ans Quellenverzeichnis und an die Neubearbeitung der Buchstaben A bis F. Seit Beginn der neunziger Jahre wirkte er auch bei der Edition des Briefwechsels mit.

Sein Kollege Berthold Friemel geht an ein Regal der Arbeitsstelle Grimm-Briefwechsel in der Humboldt-Universität Berlin und zeigt ein paar Fundstücke aus den Zettelkästen. Es finden sich Aufzeichnungen der Brüder Grimm zum Wort „Widerpart“. Jacob Grimm hatte aus einer germanistischen Zeitschrift von 1859 den frühneuhochdeutschen Beleg „ein widerport“ notiert, ein späterer Mitarbeiter hatte Jahrzehnte danach, aber noch Jahrzehnte vor Braun das Zitat vervollständigt: „Die geitikait ist ein widerport gen der milt“: „Der Geiz ist ein Gegenteil der Mildtätigkeit / Großzügigkeit“. Und Braun war es, der 200 Jahre nach Grimm den Wortartikel für den letzten Band der Erstausgabe schrieb.

„Leichtqualität“ steht auf einem ausgeschnittenen Käse-Verpackungspapier, das auf einem Zettel klebt. Wenn Wilhelm Braun so etwas las, kam er ins Grübeln: Sollte er der positiven Verwendung des Wortes „leicht“ in der Alltags- und Werbesprache nachgehen? Die Erstausgabe des Grimmschen Wörterbuchs kennt die Verwendung des Wortes „leicht“ in der Sprache des Handels und Gewerbes als eine Kennzeichnung für geringeren Wert, „eine waare, die nur einen geringen theil dessen enthält, was ihre eigenthümlichkeit bildet“. Zum Beispiel „leichter Wein“ für ein eher kraftloses Getränk. Oder „leichtes Tuch“ für schlecht Gewebtes. Seit wann und warum, fragte sich Braun, hat sich die negative Bedeutung des Wortes in eine positive gewandt? Braun löste den Verpackungstext in Wasser ab, trocknete ihn und klebte ihn auf einen Zettel, verzeichnete Fundort und -datum.

„Joghurtleichte Joghurette“ steht auf einem anderen Zettel, weiter hinten im Zettelkasten „Ökoleichtpack – weniger Müll – getrennt entsorgbar“ und „Kaffeegenuss auf leichte Art“. Das sieht nach einer abermaligen Bedeutungserweiterung aus: „Leicht“ auch als Merkmal gesundheitsschonender und umweltverträglicher Produkte überhaupt.

So saß er an seinem Schreibtisch, verglich, aktualisierte und vervollständigte Einträge. Jedes Schriftstück war ein Dokument, keins schien ihm zu gering, ein jedes würdig, beachtet, hinterfragt und dokumentiert zu werden. Es finden sich Arbeitsberichte in Zettelform, Notizen über verliehene oder verschenkte Bücher, Zeitungsartikel über den Tod Albert Camus’ sowie über Thomas Mann und seine Frau Katja, selbst handschriftliche Notizen seiner Chefs: „Wir sind zu Tisch!“, „Bis Montag früh“.

Seine Wohnung war bis oben hin mit Büchern, Manuskripten, Karteien und Zeitungen voll, mit Broschüren und Werbegeschenken alter Wahlkämpfe, mit Propagandamaterial untergegangener Staaten. Dazwischen saß er, las und lauschte der Sprache und ihrer Zeit. Auch seine eigenen Worte wog er sorgfältig. „Er konnte es nicht leiden, wenn einfach so gequatscht wird“, erinnert sich Karin Lamm von der Pfarrgemeinde Sankt Georg in Pankow. Vielleicht galt sein Wort auch deshalb so viel, als Pfarrgemeinderat, als CDU-Bezirksverordneter, im Behindertenbeirat, im Unionshilfswerk, in der Seniorenunion und im Hausbibelkreis.

Die Grimms begannen ihr Wörterbuch in einem Deutschland, das in Dutzende Deutschländer zerfallen war, zerschnitten durch Zollschranken, zerteilt in Fürstentümer. Das Wörterbuch sollte den Deutschen zeigen, dass sie einer unteilbaren Kulturnation angehörten: Seht, wie reich unsere Kultur ist und wie sie uns eint! Zweihundert Jahre später gab es zwei Deutschländer, an deren Zusammengehörigkeit das Grimmsche Wörterbuch erinnerte. Zwei Akademien der Wissenschaften arbeiteten zugleich daran, wenn auch nicht immer gemeinsam: eine in Ost-Berlin und eine in Göttingen. In diesem Großprojekt der Germanistik fand Wilhelm Braun seine geistige Heimat.

Die geografische war ihm verloren gegangen. Er war Vertriebener.

Auf einem Bauernanwesen von 1803 bei Trautenau im Riesengebirge war er aufgewachsen, als sechstes Kind. Am 8. September 1945 beizten sie den Weizen, am folgenden Tag wollten sie säen. Doch dazu kamen sie nicht mehr. Im Morgengrauen hörten sie Maschinengewehrfeuer in der Nähe des Dorfes. Die Mutter weckte Wilhelm auf: „Hörst du nicht, sie schießen!“ – „Das haben wir geträumt“, antwortete der Sohn.

In seinem Lebenslauf nannte er den Verlust seiner Heimat „Aussiedlung“, entsprechend der offiziellen DDR- Sprachregelung.

In Rostock machte er sein Abitur und studierte Germanistik, Geografie und Kunstgeschichte. Er überstand eine schwere Tuberkulose: „6 Urlaubssemester wegen Krankheit“ steht im Lebenslauf. Braun sollte eigentlich Lehrer werden, arbeitete jedoch seit 1955 an der Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt und promovierte 1975.

1990 schrieb er einen Antrag auf Gehaltsminderung: „Als einen Beitrag zur bevorstehenden kleinen Gehaltsrunde stelle ich den mir im Januar 1989 – gegen meinen Willen – zuerkannten Lohnzuschlag von 185 Mark zur Disposition … Durch die Streichung meines Lohnzuschlags ist es möglich, zwei weitere Anträge (darunter der einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern) zu berücksichtigen. Zu begründen ist meine Bitte mit der in unserer Gesellschaft angesichts der bevorstehenden Soziallasten bisher völlig unzureichenden Besteuerung kinderloser Werktätiger.“

Er lebte bedürfnislos. Mag sein, dass seine einfache Herkunft eine Rolle spielte, möglicherweise der frühe Verlust von Besitz und Heimat. Vielleicht rührte auch sein leidenschaftliches Sammeln und Bewahren daher, ein Merkmal vieler, die gelernt haben, mit wenig auszukommen. Seine alte Aktentasche aus solidem Leder reparierte er immer wieder, buchbinderische Arbeiten übernahm er selbst, sein Brillengestell klebte er mit dem DDR-Kleber „Duosan Rapid“.

Gegenüber anderen war er großzügig: Das Buch „Schluss mit lustig – das Ende der Spaßgesellschaft“ verschenkte er ein Dutzend Mal. Manche Studenten unterstützte er mit Geld. In seiner Pankower Pfarrgemeinde nannten sie ihn „Pater Braun“. Er spendete die Krankenkommunion. Und Frauen schenkte er gerne Schokolade.

Im Trauergottesdienst für Wilhelm Braun in der Sankt-Georg-Kirche saßen Kollegen, um ihrem alten Mitarbeiter die Ehre zu erweisen. Und Mitglieder der Kirchengemeinde, um von ihrem ehemaligen Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Abschied zu nehmen. Kommunalpolitiker waren da, um einen Parteifreund zu verabschieden. Und Verwandte, Freunde und Nachbarn, um sich an den böhmischen Schlesier zu erinnern. Manche wunderten sich über den großen Andrang.

„Die Sprache ist allen bekannt und ein Geheimnis“, hat Jacob Grimm 1854 gesagt. Und nicht geahnt, dass das auch für seinen dienstältesten Mitarbeiter gelten würde.

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