Nachrufe : Carsten Schaffer (Geb. 1977)

Er und seine Clique - sie waren unschlagbar. Was war da schon ein Schatten auf einem Bild?

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Carsten Schaffer (1977-2015)
Carsten Schaffer (1977-2015)Foto: privat

„So Jungs, ihr müsst buchen, ich hab’ mich in ein Pokerturnier eingekauft.“ Das war eine dieser Ansagen, mit denen er seine Clique aufgemischt hat. 20 Leute etwa, anfangs Jungs, später wurden Männer draus, und sechs oder sieben fanden sich immer, die Zeit, Geld und den nötigen Nerv hatten, um mitzumachen, wenn Calle eine Idee hatte.

Das Pokerturnier 2007 in Kopenhagen, World Series. 5000 Euro hat er bezahlt, das war der Preis, für den man sich einkaufen konnte in das Turnier, bei dem es um ein Preisgeld von 550 000 Euro ging. Fünf Tage sollte es dauern, sieben Freunde fuhren mit. Fünf Tage Hotel hat Calle gebucht, buchten auch sie und kauften sich dazu allesamt die gleichen dunklen Anzüge plus großer Krawatte. Worldseriesmäßig hat sich der Aufwand nicht gelohnt, da hätte auch eine Übernachtung ohne Anzug gereicht, denn natürlich ist Calle am ersten Spieltag rausgeflogen. Na und? Die Gang hat sich auch ohne Casinotische noch vier lustige Tage in Kopenhagen gemacht.

Vernunft? Nichts für einen, der keine Zukunft haben sollte

Ziemlich unvernünftig das alles, aber um Vernunft ging es da schon lange nicht mehr. Mit Vernunft begegnet man der Zukunft. Und die sollte Carsten gar nicht haben. Ein langes Leben war für ihn nicht vorgesehen.

Ihm hatte man gesagt, dass er zwei Tumore im Kopf habe, von denen nur einer entfernbar sei. Das er wohl noch ein paar Jahre habe und auf alle Fälle durchhalten solle, weil die medizinische Forschung ja voranschreite. Als er das gesagt bekam, in seiner Wahrnehmung eher hingerotzt, da war er 24.

Er hatte nur einen Schorf von der Nase entfernen lassen wollen, der sich dort lästig festgesetzt hatte. Ihm war das gar nicht so wichtig gewesen, aber die Freunde hatten gedrängelt: Mensch, Calle, jetzt verdienst du doch Geld, mach das mal weg, wie sieht das denn aus? Als der Schorf nach der Operation noch mal wiederkam, wurde sein Kopf gründlich untersucht, und da tauchten im Computerbild die Schatten auf.

Schatten und Ahnungen: vage Gesellen in einem dynamischen Jungmännerleben. Konnte man irgendwie an ihnen vorbeikommen? Man konnte, erst mal jedenfalls. Es fehlte ihm ja nichts, es tat ihm nichts weh. Er war doch nicht krank, sagen die Freunde. Er war genau der Mensch, der er vor der Diagnose war: ein gut gelaunter Typ, aufgewachsen in Heiligensee mit liebevollen Eltern und zwei Geschwistern. Ein unkomplizierter Familien- und Gruppenmensch. Einer, der gern draußen war, sportbegeistert und auch mal übertrieben einsatzfreudig.

Die gute Idee für die Urlaubskasse: Free-Drink-Coupons kopieren!

Als Fußballer brach er sich ein Bein und danach beim Karate sein Knie, sodass er seinen Wehrdienst im Bundeswehrkrankenhaus verbrachte, und zwar die ganzen zwölf Monate. Nicht mal ordnungsgemäßes Grüßen hat er gelernt.

Oder die Geschichte, als die Clique die Idee hatte, wie auf der Ibiza-Reise die Urlaubskasse geschont und sogar aufgefüllt werden konnte: Man kopiert einfach die Free-Drink-Gutscheine der teuren Clubs. Calle organisierte einen Kopierer, kaufte Papier in mehreren Stärken, um flexibel auf die Getränkeschnipsel reagieren zu können, und schon war das Ganze unterwegs per Vito-Transporter Richtung Süden. Ein Geschäft wurde dann zwar doch nicht draus, aber ein Spaß allemal.

Oder die Open-Air-Party, zu der von irgendwo ein mobiler Pool angeschleppt wurde, zu dessen Befüllung er seine Beziehungen zur Feuerwehr spielen ließ – weshalb halb Heiligensee kurzzeitig auf dem Trockenen saß.

Oder die heimliche Sommerparty im Haus der Eltern, als die im Südtirol-Urlaub weilten. Es entstand einiger Sachschaden, vor allem durch die Highheels der Mädchen auf dem teuren Parkett. Wie sollte er das erklären? Ganz einfach: Er und ein paar Kumpels, so erzählte er, hätten zum Christopher Street Day gewollt und den notwendigen Highheelsgang geübt.

Sie übernahmen die "Scheune" im Grunewald

Gut, es ging nicht nur um Party im Leben. Carsten hat nach dem Fachabitur eine Lehre bei der Commerzbank gemacht, und sie hatten ihn auch übernommen. Aber ein Leben als Bankkaufmann konnte er sich dann doch nicht vorstellen. Er versuchte es mit einer kleinen Werbeagentur und jobbte als Kellner im Wirtshaus Schildhorn, was ihm so gut gefiel, dass daraus eine Geschäftsidee wurde: 2004 übernahm er mit seinem Kumpel Peter, natürlich auch einer aus der Clique, ein Nachbarjunge aus Heiligenseer Kindertagen, das Restaurant „Scheune“, ebenfalls im Grunewald, aber an dessen stadtnaher Seite gelegen. Zwischen dem S-Bahnhof Grunewald und Avus. Die „Scheune“ war ziemlich heruntergekommen, ein spelunkiges Gebäude, das sich in die Kluft zwischen Gleisen und Autobahn hineinduckte, wie erdrückt vom Lärm.

Eins der Lieblingsfotos: Carsten "Calle" und Nico, der Sohn seiner langjährigen Freundin
Eins der Lieblingsfotos: Carsten "Calle" und Nico, der Sohn seiner langjährigen FreundinFoto: privat

Es wurden neue Besitzer gesucht, und sie haben gar nicht lange gezögert. Nur überlegt, ob sie die Renovierung ohne Schulden hinbekommen würden. Also tagsüber den Betrieb mit den Spaziergängern, die draußen sitzen wollten, aufrechterhalten, und abends umbauen, mauern, spachteln, streichen. Monate ging das so. Carstens Krankheit, die Möglichkeit, dass das alles nicht gut enden würde, das sei überhaupt kein Thema gewesen, sagt Peter und klingt, als würde er sich selbst darüber wundern. Sie fühlten sich unschlagbar und waren voller Zuversicht. So, wie man sich vielleicht nur mit Mitte, Ende 20 fühlen kann. Was ist da ein Schatten auf einem Bild vom Kopf?

Im Jahr nach der Eröffnung kam die erste große Operation. Der entfernbare Tumor wurde entfernt. Carsten steckte das gut weg. Als wäre es gar nicht der Kopf gewesen, sondern ein Blinddarm oder sonst etwas Überwindbares. Er schien sogar noch unternehmungslustiger und stärker zu werden, als er gewesen war. So war es dann auch noch mal nach der zweiten großen Operation, 2008. Er kam wieder, topfit. Die „Scheune“ jedenfalls lastete die beiden Junggastronomen schon bald nicht mehr aus, 2009 starteten sie das nächste Projekt, die Gastronomie im Tennisklub in Eichkamp.

Irgendwann ging es los, die Krankheit machte sich breit

War das Irrsinn? Realitätsflucht, Verdrängung? Sie sagen, in der Clique habe nie jemand ein Blatt vor den Mund genommen. Carsten konnte mit jedem über seine Sorgen und Ängste sprechen, oder seine Verzweiflung. Natürlich habe es solche Momente gegeben. Als die Ersten aus der Clique heirateten und Vater wurden, beispielsweise.

Da stand sie dann groß und schwarz vor ihm: die Nicht-Aussicht auf all das. Von einem Kind wurde er Patenonkel.

Und seine langjährige Freundin hat auch ein Kind mit in die Beziehung gebracht, einen Jungen. Acht Jahre waren sie eine Familie, dann trennten sich die Erwachsenen, aber Carsten und Nico, das ging weiter. Eines von Carstens Lieblingsfotos zeigt ihn mit dunklem Anzug und breitem hellem Schlips, auf seinem Bein sitzt Nico, ein kleiner dünner Blondschopf, sie haben die Arme umeinandergelegt und lächeln in die Kamera.

Irgendwann ging es dann doch los, es wurde klar, Carsten ist nicht nur manchmal im Krankenhaus und ansonsten einer wie sie, sondern er ist schwer krank. Sein Sichtfeld war eingeschränkt, das Gedächtnis ließ nach, der Umgang mit Zahlen fiel ihm schwer. Selbstverständlichkeiten wurden problematisch. Das hat ihn geärgert, und seine anfangs sarkastischen Kommentare über die Ausfälle wurden mit der Zeit bitterer.

Bis es gar nicht mehr ging, ist Carsten mit Nico im Sommer nach Südtirol gefahren, auf den Campingplatz, auf dem seine Eltern noch immer ihr Campingmobil stehen haben. Der letzte gemeinsame Urlaub war im Sommer 2014. Da hat Carsten fast nur noch gelegen und unter schlimmen Kopfschmerzen gelitten.

„Jetzt ziehen wir uns mal alle aus und gucken, was passiert“

Dann kamen noch eine letzte Operation und ein letztes schlimmes Jahr. Eine Quälerei. Seine Eltern kümmerten sich aufopferungsvoll, die Freunde organisierten im Chat „Calles Kraft“ ihre Zeit so, dass oft jemand da war. Für Carsten war das ein Segen, er war nicht gern allein. Hat auch nie allein gelebt. Entweder bei der Freundin oder im ausgebauten Dachgeschoss im Haus der Eltern. Sein ganzes Leben lang war immer jemand da gewesen, ansprechbar, motivierbar für irgendetwas.

Wenn die Clique früher unterwegs war und es irgendwann aus Versehen doch mal langweilig wurde, gehörte Carsten zu denen, die Dampf machten. „Jetzt ziehen wir uns mal alle aus und gucken, was passiert.“

Ein witziger Spruch. Und, wenn man länger draufschaut, genau das, was am Ende droht. Allen – aber jedem für sich allein.

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