Nachrufe : Karin Koch (Geb. 1944)

"Das Schlimmste, was sein kann: Nix zu unternehmen"

von

An ihrer Frisur ließ sich erkennen, wie es Karin ging. Je gewagter, desto besser. Die kurzen, roten Haare wurden um bunte Strähnchen ergänzt und gern auch durch ein im Hinterkopf ausrasiertes Herz. Als die Chemotherapie ihr das Haar nahm, griff sie zur Perücke, ihrem „Mottenfiffi“. Das Leben ging vor – und vor allem: Es ging weiter: „Mir hamse die Brust amputiert, nicht das Hirn!“

Geboren wird die Berliner Pflanze fern der Heimat, am zweiten Weihnachtstag des letzten Kriegswinters im schlesischen Schreiberhau. Ihre Mutter ist gemeinsam mit anderen Schwangeren aus der Reichshauptstadt dorthin geschickt worden. Der Krieg trifft Karin aber noch mit seiner ganzen Härte: Zurück in Moabit, werden sie und ihre Mutter bei einem Fliegerangriff im Keller verschüttet. Das Geschrei des Babys macht die Retter aufmerksam.

Wenige Tage vorm Ende des Krieges kommt die Mutter ums Leben: Auf dem Weg zum Metzger zerreißt ihr ein Granatsplitter die Lunge. Ihre Schwester Ella und deren Mann Heinz werden für Karin Mutter und Vater. Als ihr leiblicher Vater Jahre später aus der Gefangenschaft heimkehrt, bleibt er ein ferner Verwandter.

Heinz und Ella kümmern sich liebevoll um das an Asthma leidende Kind. In der Schule fehlt Karin oft, aber Heinz kann sie fürs Lesen begeistern. Eine lebenslange Leidenschaft. Ohne Krimi ging Karin selten zu Bett.

1961 zieht die Familie nach Spandau. Ein harter Schlag für das pubertierende Kind, das längst die Freuden der Großstadt entdeckt hat, vor allem die des Tanzens und des Küssens. Hinterm Wohnblock nichts als Felder, und um acht muss sie zu Hause sein.

Arbeit findet Karin in einer kleinen Wäscherei. Sie schmeißt den Laden zeitweise allein. Die Stammkundschaft schätzt den Plausch mit ihr. Als Karin nach acht Jahren kündigt, sind die Tage der Wäscherei gezählt.

Mit 24 heiratet sie ihre große Liebe. Er leitet eine Aldi-Filiale. Als kurz darauf Tochter Christine zur Welt kommt, kann sich Karin ganz ihren Mutterfreuden widmen. Bis ihr Mann zwei Jahre später an einem Hirntumor stirbt.

Am Boden zerstört, stürzt sich die junge Witwe rasch in die nächste Beziehung und heiratet nach 15 Monaten erneut. Glücklich wird sie nicht mit Heinz. Er langweilt sie, ist ihr zu sehr „Hausmensch“. Sie will doch noch was erleben. Der Höhepunkt der Woche ist der Besuch beim Jugoslawen – freitags Cevapcici im „Split“.

Karin will sich scheiden lassen, da erkrankt Heinz an Leukämie. Ihn jetzt zu verlassen, bringt sie nicht übers Herz. Sie pflegt ihn bis zum letzten Atemzug.

Die Krankenpflege macht sie danach zum Beruf, sie besucht alte Menschen zu Hause. Alleine tröstet sie sich immer öfter mit alkoholischen Getränken. Die Wirkung bekommt auch ihre Tochter zu spüren. Karin verliert ihr Zeitgefühl, bringt Termine durcheinander. Bis sie eine Entgiftungskur macht und fortan Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes besucht.

„Manche werden trocken und verändern sich nicht“, sagt sie, „so bin ich nicht“. Sie arbeitet nun als Stationshilfe im Klinikum Spandau und lernt Männer kennen, „allet Flitzpiepen“. Außer Walter. Der Hamburger steht am Beginn einer akademischen Karriere und begeistert Karin für Kulturelles. „Du bist nicht doof“, sagt er, „du musst bloß an die Kunst herangeführt werden.“ Bald fühlt sie sich in den West-Berliner Galerien und Museen förmlich zu Hause.

Weitere Männer folgen, oft sind sie ihr zu träge. „Das Schlimmste, was sein kann: Nix zu unternehmen.“ Bei einem Wochenendseminar des Kreuzbundes begegnet sie Uwe. Er wohnt in ihrer Nachbarschaft, und sie geht so oft an seinem Haus vorbei, bis er sie auf einen Kaffee hereinbittet.

Uwe macht alles mit. Meistens sagt sie ihm nur, wann er sie treffen soll. Wozu, bleibt ihre Überraschung. Er nennt sie seine „Innenministerin“ und begleitet sie ins Theater, zu Konzerten und in die Oper. Zur Langen Nacht der Museen packen sie ihr Picknick in den Rucksack und ziehen los, aber nicht dorthin, wo der Trubel tobt, sondern zu den Geheimtipps.

Uwe ist „Außenminister“, er organisiert die Reisen: übers Wochenende nach Wismar, Stralsund, Prag, in ihre Geburtsstadt Schreiberhau und einmal im Jahr für zwei Wochen ans Meer, Nordsee, Ostsee, Mittelmeer. Karin ist Wasserratte und Kulturtante.

1997 wird sie noch zur Vollblutoma. Sie holt Christines Sohn Marco regelmäßig von der Kita ab, geht mit ihm in den Zoo, ins Kino und zum Puppentheater.

Wegen des Asthmas muss sie immer wieder zur Kur. Und 2007 kommt der Brustkrebs. Von dem sie sich auf keinen Fall unterkriegen lassen will. Die Unternehmungen mit Uwe – jetzt erst recht! Im Heißluftballon überwindet sie ihre Höhenangst.

Bei der Heimkehr von einem Country-Konzert bricht sie sich einen Wirbel. Die Schmerzen sind unerträglich. Sie beschließt, in ein Hospiz zu ziehen, „meine letzte Station“.

Zu Uwe sagt sie: „Mit dir hab ich in 17 Jahren mehr erlebt als andere in 50 Jahren Ehe.“ Gut, dass er es nie gewagt hat, sie zu Cevapcici ins „Split“ einzuladen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben