Nachrufe : Werner Opitz (Geb. 1919)

Konnte er es wagen, weiter von der Opernbühne zu träumen?

Anne Jelena Schulte

Manchmal, so erinnerte er sich später, saß er als kleiner Junge auf der Sofalehne, drehte einen Topfdeckel von scharf links nach scharf rechts und spielte Lastwagen.
Wie weit er tatsächlich reisen würde, später, bis nach Stalingrad und zurück, ahnte er da noch nicht.
Forttragen ließ er sich in diesen Anfangsjahren allein von der Musik. Mit neun hatte er das Geigen begonnen. Seither spielte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit, mal auf Festen, mal für sich selbst, am liebsten aber mit Margarete, seinem Gretchen, die ihn am Klavier begleitete. So süß schien ihm das Musizieren, dass er mit 14 beschloss, das Realgymnasium trotz seiner guten Noten abzubrechen, um Musiker zu werden.
Als sein Vater, ein Briefträger, davon erfuhr, wurde er zornig. Er hatte in Werners Alter schon für den Unterhalt seiner Familie mitsorgen müssen, hatte noch vor Sonnenaufgang die Klassenzimmer geheizt und später als Maurer gearbeitet. Und dieser Sohn, der die Gelegenheit hatte, Abitur zu machen, lief den Melodien hinterher wie eines der Opfer des Rattenfängers von Hameln! Der Vater wandte sich ab, tief enttäuscht.
An seine Stelle trat ein anderer Mann, dem Werner sein Schicksal in die Hände legte: Das war der Leiter für die „weltanschauliche Schulung“ der Hitlerjugend. Er vermittelte Werner als jüngsten Studenten an den neu gegründeten Studiengang „Volks- und Musikleiter“ in Berlin. Staunend betrat 16-Jährige, der außer seinem sächsischen Heimatstädtchen noch nicht viel gesehen hatte von der Welt, das Schloss Charlottenburg, in dessen rechtem Flügel der Studiengang untergebracht war.
Glänzend fand Werner das, wie er überhaupt den ganzen Neuanfang glänzend fand. Durfte er doch einer Probe von Wilhelm Furtwängler beiwohnen, einen Hochzeitsmarsch zur Einweihung des Eosander-Saales komponieren, und in Schulsendungen des Rundfunks nicht nur die Geige spielen, sondern auch seine Stimme ausprobieren. „Es ergab sich, dass ein Solo gesungen werden musste. Alle Jungen probierten, bei mir blieb es hängen. Hätte ich damals richtig geschaltet und Gesangsunterricht genommen, wie wäre mein Lebensweg verlaufen?“, so fragte er sich rückblickend, als er auf Wunsch seiner Kinder sein Leben aufzuschreiben begann.
„Richtig geschaltet“ – das wäre, rückblickend betrachtet, wohl ein Leben als Sänger gewesen, denn die Liebe zum Gesang wurde bald größer als die zur Geige. Doch obwohl er alle Talente dafür mitbrachte, blieb ihm dieser Weg versagt.
Da er also nicht richtig geschaltet hatte, machte er gehorsam seine Abschlussprüfung, die er als Zweitbester bestand, und fand sich kurz darauf wieder als „Mitarbeiter des Musikreferenten der Gebietsführung Halle“. Er hatte diesen Beruf nicht gewollt, nur „anstandshalber“ habe er sich verpflichtet, schrieb er.
Schön waren in dieser Zeit allein die „Musikschulungslager“, wo er seine Margarete wiedertraf.
„Im Ganzen gefiel mir die Arbeit dort überhaupt nicht. Ich überlegte, wie ich dort weg könnte ohne jemanden zu beleidigen. Als einziges fiel mir ein, mich freiwillig zur Wehrmacht zu melden.“ Er plante, zwei Pflichtjahre zu absolvieren, um später endlich den richtigen Gang einzulegen und noch einmal zu studieren, Gesang natürlich.
Doch der großgewachsene Mann, der sich als hervorragender Langstreckenläufer erwies, fiel auf. Ein Vorgesetzter schlug ihm vor, Reserve-Offizier zu werden. Werner Opitz wägte ab. Er verachtete den Sadismus einiger Ausbilder: Es kam vor, dass er die Müllhalde herauf und herunter gejagt wurde, oder dass er, angetan mit einem schweren Wintermantel, im Heizungskeller Kniebeugen bis zum Zusammenbruch machen musste. „Einmal war ich drauf und dran, dem Unteroffizier den Gewehrkolben auf den Schädel zu schlagen. Glücklicherweise konnte ich mich zusammennehmen, denn sonst wäre mein Leben vorbei gewesen.“ Andererseits, konnte er es in diesen Zeiten wirklich wagen, weiter von der Opernbühne zu träumen?
Er hatte kein Abitur, keine Pläne für die Zukunft, das Angebot des Batteriechefs „war für mich, der ich aus einfachen Verhältnissen kam, eine große Verlockung. Ich stimmte zu.“
Als Werner Opitz im Juli 1945 aus englischer Gefangenschaft zurückkehrte, hatte er bei Stalingrad als Mess-Offizier gedient und hatte eine ganze Batterie befehligt. Was genau er gesehen, erlebt hatte, ist in seinen Erinnerungen nicht nachzulesen.
Zurück in seiner Geburtsstadt Zeitz, begrüßte er Margarete und mit ihr seine zweite, neu geborene Tochter. Sein Vater, der Funktionär der NSDAP gewesen war, saß im Gefängnis. Das bedeutete für Werner: Geld verdienen, Familienoberhaupt sein. Seinen Traum wollte er aber nicht länger aufschieben, wollte endlich Sänger werden, endlich die Weichen so stellen, wie es ihm gefiel, ohne Rücksicht auf die Umstände oder auf ältere Männer, die zu wissen glaubten, was gut für ihn sei.
Ein Gesangspädagoge bestätigte sämtliche Voraussetzungen für eine Bewerbung beim Konservatorium in Leipzig. Wann also, wenn nicht jetzt? Nie, erfuhr er dort. Zwar hatte er eine geeignete Stimme, doch war er ein Offizier der Wehrmacht gewesen. Das Konservatorium war nicht gewillt, diese Vergangenheit zu ignorieren.
In seinen Aufzeichnungen beklagt er sich nicht, erstattet lediglich Bericht. Seine Beharrlichkeit führte ihn nach West-Berlin. Dort, so hatte er gehört, „würde keiner nach sowas fragen“.
In Zeitz hatte er bis zur Abreise das städtische Tanzorchester geleitet und in verschiedenen Gruppen gespielt, die mit einem Repertoire an Unterhaltungsmusik umherzogen. Daran knüpfte er jetzt an. Mit dem Bruch-Konzert in g-Moll gab er sein erstes Vorspiel, von da an musizierte er beim RIAS, in der Komischen Oper, in freien Ensembles.
Und 1952 legte er seine Prüfung für Operngesang ab. Vier Intendanten machten ihm Angebote, die Bühnen lagen in Zwickau, Zittau, Wismar und Rostock. „Leider“, konstatierte er, „bekam ich trotz aller Bemühungen keinen Zuzug in die damalige DDR.“
Ein drittes Kind wurde geboren. Mit seinem Quartett namens „Die Dominos“ feierte er Erfolge im Fernsehen, auf Kabarett-Bühnen und in den Kasinos der Amerikaner. So sehr, dass seine Kollegen damit begannen, „sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Ich beschloss, auszusteigen. Ich hatte zwischendurch in einem Quartett mitgewirkt, das bei Trauerfeiern sang. Da stieg ich nun richtig ein und fand ein ausreichendes Einkommen.“
Doch nicht nur beruflich griffen Tod und Trauer nach ihm. 1961 starb seine Tochter, sieben Jahre später Margarete. Wenn er sang, dann sang er immer auch für sie. Als er gefragt wurde, ob er auch bereit sei, Reden halten zu halten, sagte er zu.
Wortgewandt, bühnenerfahren und sensibilisiert durch die Todesfälle in der eigenen Familie, wurde Werner Opitz einer der gefragtesten Redner Berlins. Seine Geige lag jetzt im Kasten, die Stimme nutzte er nur noch zum Sprechen, und er schien darüber keinesfalls verbittert. Indem er anderen Trost spendete, tröstete er auch sich selbst, fand neue Kraft für sein Leben. Und dazu gehörte, so befand er nach einiger Zeit, eine neue Frau.
Solcher Sehnsucht nachhängend, fiel sein Blick auf einen vorbeifahrenden Doppeldecker, an dem Reklame für das „Tanzcafé Keese“ klebte. „Am nächsten Tag bin ich hingegangen, habe mir das übliche Herrengedeck bestellt und habe der Dinge geharrt, die da geschehen würden, denn in diesem Lokal ist Damenwahl.“ Was geschah, war Ursula. „Wir tanzten. Weder war sie erschrocken, als ich ihr meinen Beruf nannte, noch war ich erschrocken, als sie mir erzählte, dass sie fünf Kinder habe.“
Kein Jahr dauerte es, bis beide zusammenzogen, und Werner Opitz auch für Ursulas Kinder die Vater-Rolle übernahm. Die vielen Kinder und Kindeskinder stimmten ihn weich, seinen Sofakrümel-Staubsauger ließ er immer länger im Schrank.
Er war ein heiterer alter Herr, der sich über die banalsten Dinge freuen konnte, einer, der seine Melodie gefunden zu haben schien, auch ohne die Opernbühne.
„Wenn ich über mein Leben nachdenke, bin ich dankbar, dass ich zweimal die Liebe einer Frau erfahren durfte“, so schloss er seine Aufzeichnungen.
Er hatte mit Ursula Patience gespielt und gewonnen. Nachts stand er auf, um in die Küche zu gehen. Dabei sank er zusammen und wachte nicht wieder auf.

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