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Nachrufe : Bernd Sander (Geb. 1950)

01.03.2013 00:00 UhrVon Maria Hufenreuter

Er war doch einer von den Lustigen und Starken

Elefanten arbeiten sich unermüdlich durch den Urwald, klettern über Höhen und Felsen und durchschwimmen Flüsse. Sie kümmern sich um ihre Familie, um die Herde. Sie gelten als freundlich und aufopfernd. Bernd liebte seine Vitrine, sie war voller Nachbildungen afrikanischer Elefanten. Das sind die mit den großen Ohren. Er hatte sie in Südafrika gesehen, und ihr Anblick hatte ihn ins Herz getroffen. Verwandte.

Erst mit 30 zog er ganz von zu Hause aus. Er wollte die Mutter vorher nicht allein lassen. Sie brauchte ihn, um den dementen Vater zu pflegen. Nachts schleppte Bernd seinen betrunkenen Bruder aus den Bars nach Hause. Wegen der Mutter verzichtete er auch auf seine erste Liebe, Marita.

Er kannte sie aus der Grundschule in Wedding. In der Oberstufe funkte es zwischen den beiden, aber die Mutter erlaubte ihrem Sohn keine Freundin. Elefanten sind dickhäutig, gesellig und sie ziehen weiter, wenn eine Stelle abgegrast ist. Nach der 10. Klasse machte Bernd eine Ausbildung beim Bund für Angestellte, dann ein Fachstudium zum Verwaltungswirt. Marita heiratete einen anderen und bekam eine Tochter.

Klassentreffen 1977. Keiner erkannte den Typ mit dem Bart und der Mähne. Aus dem mopsigen Jungen war ein Mann geworden. Den ganzen Abend saß er neben Marita. Sie reichte die Scheidung ein und zog mit ihrer Tochter zu Bernd. Er hatte eine Zweizimmerwohnung, lebte aber noch halb bei seinen Eltern. Da starb sein Vater, und Bernd fühlte sich frei genug, in Zehlendorf eine eigene Familie zu gründen. Marita gebar ein Mädchen, fünf Jahre später noch eins. In Elefantenherden überwiegen die Weibchen.

Sie kauften sich ein Reihenhaus in Düppel und bauten nach der Wende ein größeres in Wilhelmshorst mit Garten, Sauna, und Platz genug für Partys. Bernd liebte es, Freunde und Verwandte einzuladen, zu singen und zu tanzen. Mit seinen Freunden feierte er die Spiele von Hertha BSC und die Fußballweltmeisterschaften zu Hause. Er schaffte Fische, Hunde, Katzen, Meerschweine, Schildkröten, Wellensittiche und Kanarienvögel an. Es gab genug zu tun in Haus und Garten, für die Familie, für andere. Der Vorsteher der Elefantenherde sorgt sich um die Sicherheit und das Überleben der Familie.

Als die älteste Tochter 1997 Lymphdrüsenkrebs bekam, schloss er mit Gott einen Pakt: Wenn sie überlebt, würde er sich im Gemeindekirchenrat von Wilhelmshorst engagieren. Sie wurde wieder gesund, und Bernd hielt Wort. Seitdem fühlte er einen Draht nach oben.

Marita wollte zurück nach Berlin, also bauten sie 2006 in Nikolassee ein neues Haus. Dort beschlich sie bald eine Ahnung. Bernd hatte Probleme beim Laufen. Nach zwei Jahren überredete sie ihn, in ein ebenerdiges Haus in Kleinmachnow umzuziehen. Bald konnte er den linken Fuß nicht mehr heben, fühlte sich schwach – und baute der Tochter trotzdem Hängeböden ein. Machte weiter. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

Dann 2010 die Diagnose ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, Muskelschwund, nach drei bis fünf Jahren Tod durch Ersticken. Zwei waren schon vorbei, seit die ersten Symptome aufgetreten waren. „Diese Krankheit kann ich gar nicht haben.“ Plötzlich ging es schnell. Marita stornierte den Südafrika-Urlaub. Kein Wiedersehen mit den Elefanten. Er musste erst am Stock gehen, brauchte dann einen Rollstuhl und Hebelifter. Im Rollstuhl fuhr er zur Arbeit. Nein, eine Magensonde wollte er nicht, keine lebensverlängernden Maßnahmen. 2011 feierte Bernd eine letzte große Silvesterparty zu Hause, tanzte im Sitzen. Sang laut mit den Bee Gees, Santana und „Good Vibrations“ von den Beach Boys mit. Er wollte nicht in die Trauerecke einer ALS-Selbsthilfegruppe. Er war doch einer von den Lustigen, Hilfsbereiten und Starken. Niemand, der Hilfe nötig hatte. Im November wurde Marita und den Töchtern die Betreuung rund um die Uhr zu heikel. Er konnte kaum schlucken, hatte Todesangst. Im Hospiz verbrachte er noch zwei Monate, ließ sich lachend durch den Gang schieben und beschwor seinen Draht nach oben. Ein Elefant wird von einzelnen Herdenmitgliedern in den Tod begleitet. Die Familie war bei Bernd, als er starb. Im Hertha-Trikot, zu den Klängen von „Good Vibrations“. Maria Hufenreuter

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