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Nachrufe : Karl Rasper (Geb. 1930)

30.11.2012 14:09 UhrVon Elisa Peppel

Zu Fuß und mit dem Fahrrad war er unterwegs, mal sprang er auf Züge

Raue Schale, weicher Kern – ein Klischee. Aber Karl war wirklich so. Oft sprach er wie seine Bauarbeiter, sehr direkt und mit derbem Humor. Manchmal stieß er damit die Leute vor den Kopf. Aber wenn einer Hilfe brauchte, war er zur Stelle. Einmal kamen die Nachbarskinder mit Stöcken aus dem Wald, mit denen sie ein Baumhaus bauen wollten. „Wisst ihr, wie das geht?“, fragte Karl, holte sein Werkzeug und sägte und zimmerte mit ihnen. Er baute Traudl eine Sauna in den Keller, strich und renovierte ihr Haus. Er richtete alle Familien-Geburtstage aus, band sich die Schürze um, kochte riesige Töpfe Gulasch, backte Kuchen und bewirtete die Gäste.

Vielleicht wird man als Drittältester von zehn Geschwistern automatisch so. Als kleiner Junge im schlesischen Ort Kupferberg half er beim Bäcker aus und sammelte Beeren für den Apotheker. Für ein paar Pfennige von seinem Lohn ließ er sich von seinem Bruder abends das Bett vorwärmen. Der Vater, ein überzeugter Nazi, schickte Karls älteren Bruder mit dem letzten Aufgebot in den längst verlorenen Krieg. Der Bruder verabschiedete sich: „Karl, wir sehen uns nicht wieder.“ Drei Tage vor der Kapitulation wurde er im Grunewald erschossen. Karl hat das dem Vater nie verziehen.

Er ordnete die Welt nach seinem unbestechlichen moralischen Kompass. Autoritäten, die nur mithilfe von Macht funktionierten, erkannte er nicht an, da musste einer schon mehr drauf haben. Als ihn in der Schule mal ein Lehrer beleidigte, sprach er in dessen Unterricht kein Wort mehr. „Mimose“ nannte der Lehrer ihn da, doch Karl blieb stur. Die Konsequenzen fürs Zeugnis? Nahm er achselzuckend hin.

Oft hat er seine Geschwister rausgehauen, wenn sie in Schwierigkeiten waren, wortwörtlich. Hatten sie den Schlamassel aber selbst verursacht, kriegten sie von ihm auch noch eine verpasst, so viel Gerechtigkeit musste sein.

Seine Kriegserlebnisse musste er allein verarbeiten, denn seine Eltern waren zeitig in Richtung Westen geflohen. Vor seinen Augen hatten Kameraden eine Gruppe Russen erschossen. Das musste er wegwischen, der Großvater, alt und krank, war als Einziger in Schlesien geblieben und brauchte seine Hilfe. Karl blieb und pflegte ihn. Erst nachdem er ihn beerdigt hatte, machte er sich auf den Weg zu seiner Familie nach Berlin. Zu Fuß und mit dem Fahrrad war er unterwegs, mal sprang er auf Züge auf, aber meist lief er allein durch die Wälder.

Auf Drängen des Vaters ging er zur Reichsbahn. Das Bauen lag ihm, 1956 wurde er für einen Führungsposten vorgeschlagen. Er bekam ein versiegeltes Empfehlungsschreiben in die Hand, das brach er auf. Und las, er sei zwar fachlich qualifiziert, aber politisch unzuverlässig, also keine Beförderung. Karl protestierte. Man drohte ihm wegen des Siegelbruchs. Noch in derselben Nacht floh er zu Freunden nach West-Berlin.

Dort blieb er, wurde ein gefragter Bauleiter und heiratete Ruth. Sie starb viel zu früh an Krebs. Traudl kam in sein Leben, da war er 61. Sie war Schauspielerin und auch verwitwet. Für sie gab Karl das Rauchen auf, ein bisschen auch das Trinken, aber Bier blieb doch immer seine „Leibspeise“. Die kleine Straße in Zehlendorf, in der sie wohnte, wurde dann der Mittelpunkt seiner Welt. Aus den Nachbarn wurden gute Freunde, und Traudls Familie, die gleich gegenüber wohnte, wurde auch zu seiner.

Er, der selbst keine Kinder hatte, freute sich darüber, seine „Stiefenkelinnen“ groß werden zu sehen. Traudl schleppte ihn ins Theater und in die Philharmonie. Aber am liebsten ging er in Kirchenkonzerte – da konnte man den Sängerinnen von der Empore aus in den Ausschnitt gucken.

Er mochte die Frauen eben, und die Frauen mochten ihn auch. Vielleicht konnte er auch einfach nicht gut allein sein. Nach Traudls Tod blieb er mit seiner neuen Liebe jedenfalls der Straße treu: Klara, zwei Häuser weiter, wurde für die letzten zwei Jahre seine Freundin.

Er hat sich um alle gekümmert, die er liebte, bis zum letzten Moment. Als es mit ihm selbst zu Ende ging, wollte er keine Hilfe. Elisa Peppel

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