Nachrufe : Karsten Brumm (Geb. 1963)
22.06.2012 00:00 UhrEs dauert einfach zu lang. Der Lehrer spricht und spricht. Karsten rückt auf dem Stuhl hin und her. Er beobachtet seine Mutter, die dem Lehrer zuhört, seine beiden Brüder, die einer Taube vor dem Fenster hinterherschauen. Dann steht er auf, öffnet die Tür, tritt in den Flur, schließt die Tür hinter sich und dreht den Schlüssel um. Er sieht den Hausmeister, spricht ihn an und lässt sich von ihm durch das Schulgebäude führen.
Karsten bewegte sich, im Kopf und mit dem Körper, immer schon. Er war der Querdenker in seiner Familie, fürchtete sich nie vor Obrigkeiten. Dieses Stillsitzen im Unterricht, dieses brave Hören auf das, was die Lehrer sagen.
Zu viel anderes gab es, das er ausprobieren musste. Zeichnen und filmen und Trompete spielen. Und als die Schule dann endlich geschafft, das Abitur abgelegt war, ging er hinaus ins Leben, fing an, seine Pläne umzusetzen.
Am Anfang gab ihm jemand einen Tipp. An der Brücke über den Teltowkanal stehe ein Haus, in dem das Dachgeschoss ausgebaut werde. Vielleicht wolle er die Wohnungen vermitteln. Karsten hatte sich gerade für Betriebswirtschaftslehre an der TU eingeschrieben und nahm dennoch ohne zu zögern an. Zusammen mit einem Freund stellte er eine Schreibmaschine in den Keller, verlegte ein Telefonkabel die Treppe hinab und rief erste mögliche Interessenten an. Sie gründeten eine Firma, kauften sich Anzüge, stellten eine Assistentin ein und verhandelten wortgewandt mit Hausbesitzern und Käufern.
Mehr noch als die neuen lockten ihn die alten Häuser, deren leer stehende, bröckelnde Schönheit er vor dem Verfall bewahren wollte, die er sanieren ließ und dann verkaufte. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, einen langjährigen Mieter zu vertreiben: Um Aufrichtigkeit ging es ihm. Selbst im Streit stieß er sein Gegenüber nicht vor den Kopf, sondern bemühte sich zu schlichten. Als Chef trat er aber entschieden auf, war in der Lage vorauszuschauen, Projekte zu überblicken, besser noch als Banken, Anwälte und die Steuerbehörde.
Während des Studiums hatte er Wohnungen und Häuser verkauft, nebenbei ein Restaurant geführt, hatte sich dann an seine Doktorarbeit gesetzt, mit Kopfhörern auf den Ohren gegen den Lärm von der Straße. 1992 kaufte er gemeinsam mit dem Freund die Hausverwaltungsfirma SorgerTec. Die Firma wuchs, bald hatten sie 60 Angestellte. Karsten konferierte, fuhr von einem Termin zum nächsten. Blieb noch Zeit für anderes? Für vieles. Vielleicht erfand er einfach einige Stunden über den Tag hinaus. Er zeichnete viel, meist alte Männer mit speckigen Nacken und dicken Hunden an ihrer Seite oder auch die Mitglieder seiner Familie, ein jedes seiner Eigenart entsprechend. Er sammelte Comics und Modelle von James-Bond-Autos, Figuren aus Star Wars und Ironman-Filmen. Er las, traf Freunde, kaufte sich alte Autos, eine Ente, einen TVR, einen Jaguar.
Und war mit Anja und Lena, Linus, Lewin und Luis zusammen.
Er konnte sich gar nicht mehr entsinnen, Anja nicht gekannt zu haben. Sie war auf dieselbe Schule gegangen wie er, hatte einmal zu Mittag bei ihm gegessen und dann seine Super-8-Filme angesehen. Aber damals wurde nichts aus den beiden. Auf Uni-Feiern entdeckten sie einander wieder, dieses Mal richtig. Sie studierte Bildhauerei, er transportierte für sie in seinem Cabrio eine enorme Plastik, die über das Heck des Wagens hinausragte und die Aufmerksamkeit der Polizei erregte. In jeder Wohnung, die sie bewohnten, richtete er ihr ein Atelier ein. Er kaufte ihr ein Gutshaus mit Seeblick und Pferden, Hunden und Katzen. Er aß und trank und rauchte mit ihr. Er liebte sie.
Und sie liebte ihn. Wenn er rastlos nach Hause kam und dann Ruhe fand bei seinen Kindern, ihnen vorlas oder mit ihnen lange Gespräche über die beiden deutschen Diktaturen führte. Wenn er mit jedem Kind einzeln eine Reise unternahm, nach Malta, zum Formel-1-Rennen nach Monaco, zum Zelten in die Berge. Wenn er sie mit einem Witz aufzog und mit ihnen tobte, bis alle erschöpft am Boden lagen. Wenn er sie in seine Arme nahm.
Er hatte einmal darüber nachgedacht, mit 50 aus der Firma auszusteigen, vielleicht nur noch zu zeichnen, Filme zu drehen, Häuser auszubauen. Mit 48 hielt das Leben an. Krebs. Die Operation verlief gut, er wachte auf und fühlte sich nicht schlecht, schrieb Briefe an seine Freunde, alles wird gut. Zwei Tage darauf starb er, nicht am Krebs, an einer Lungenembolie.
Manchmal, in glücklichen Zeiten, sprach er mit Anja über den Tod. Er sagte: „Schreib ,Kommt mich mal besuchen’ auf meinen Grabstein.“ Sie schrieb es und besucht ihn jetzt. Tatjana Wulfert







