Nachruf auf Maung Tin Htut (Geb. 1942) : Der Mann aus der "Reisschale"

04.01.2013 00:00 UhrVon

Aus Birma kam er, studiert hat er in Prag. In der DDR saß er im Gefängnis, und in Neukölln eröffnete er einen der ersten Asia-Läden. Das wechselhafte Schicksal des freundlichen Herrn Tin

Laut ist es, die Menschen rempeln einander an, hasten mit schweren Plastiktüten in die U-Bahn. In der „Reisschale“, Karl-Marx-Straße 181, ist es still. Ein bisschen zu kalt, aber angenehm still. Ein Xylofon aus Indonesien steht da, in den Regalen indische Chutneys, Porzellan aus China, Masken aus Bali, Misopaste aus Japan, Öl aus Vietnam. Eier und Kartoffeln aus Brandenburg, Naturkosmetik aus dem Schwäbischen.

Dazwischen sitzt Tin. Tin aus Birma. Tin aus der Tschechoslowakei. Tin aus Neukölln. Tin mit den vielen Heimaten. Die erste war Birma. Er spricht darüber, aber mit Angst. Nördlich der Hauptstadt Rangun wurde er 1942 als Maung Tin Htut, als mittlerer dreier Brüder, geboren. Die Eltern waren wohlhabende Geschäftsleute mit chinesischen Wurzeln, Besitzer einer Reismühle. Das hilft Tin in seiner neuen Heimat Neukölln: Einen Basmatireis verkauft er nicht unter Wert, aber zu diesem Fisch passt doch der Langkornreis viel besser. Sie wissen, wie Sie ihn am besten kochen?

Tins Familie in Birma ist buddhistisch, aber sie feiern alle Feste, birmesisches und chinesisches Neujahr, christliches Weihnachten, muslimisches Id. Tin besucht eine katholische Schule. Später, in seiner letzten Heimat Berlin, werden sie für die christlichen Freunde an Tins Grab das Vaterunser beten.

Von seiner Mutter lernt Tin, was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Seine Kunden werden sagen, dass es keinen gab, der ihn nicht mochte.

Ab 1960 studiert Tin in Rangun Biochemie, 1965 erhält er ein Stipendium für die Karls-Universität in Prag, studiert dort Medizin und engagiert sich von hier aus gegen die birmesische, sozialistische Diktatur von General Ne Win. Die setzt ihn auf eine schwarze Liste und verlangt von der CSSR, ihn auszuliefern. Weil sich Studenten für Tin einsetzen, darf er zunächst weiterstudieren. In den Semesterferien fährt er nach Westdeutschland und arbeitet in einer Bierbrauerei wie viele andere Studenten aus der CSSR.

Im Zug lernt er Vera kennen, 17 Jahre alt, Tschechin. Sie lädt ihn zum Schnitzel nach Hause ein, Tin sie ins Kino, er hilft ihr bei den Mathematik-Hausaufgaben, bis ihn auch ihre Eltern mögen. Dann, 1971, nehmen Polizisten Tin gefangen. Zwei Monate halten sie ihn fest, ohne Erklärung. Bevor sie ihn jedoch in seine erste Heimat zurückschicken, nach Birma, flieht Tin in den Westen, zunächst nach Hamburg.

1973 zieht Tin nach West-Berlin. Er studiert Medizintechnik an der Freien Universität, Vera in Prag Gehörlosenpädagogik. Sie treffen sich in Ost-Berlin. Jedes Mal hat Vera Angst. 1978 heiratet sie einen Freund von Tin, um zu Tin ziehen zu können. Drei Jahre später kommt der gemeinsame Sohn auf die Welt, Alexander. Nach Alexander Dubcek benennen sie ihn, dem Helden des Prager Frühlings.

Beginnt jetzt Tins richtiges Leben in seiner letzten Heimat, macht er den Laden auf, die „Reisschale“? Schafft die kleine Stille auf der lauten Karl-Marx- Straße?

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