Nachrufe : Rainer Kasiske (Geb. 1970)

28.09.2012 00:00 UhrVon Bettina Gronau

Alles soll perfekt sein, immer

Manche Menschen rumpeln wie eine Regionalbahn durchs Leben, sagt die Predigerin auf Rainers Beerdigung, andere rasen wie ein Intercity. Rainer war einer von den schnelleren, immer mit Volldampf unterwegs, mit ganzer Energie.

Eine Kindheit in Sachsen, nach zwei Mädchen ist er der ersehnte Stammhalter. Die Eltern vergöttern ihren Sohn, Lob und Anerkennung fallen ihnen jedoch schwer, was zählt, ist die Leistung. Rainer ist Klassenbester, beim Kopfrechnen schickt ihn die Lehrerin Brötchen holen, damit er die Lösungen nicht vorsagt.

1977 zieht die Familie nach Berlin, Rainer geht auf eine Sportschule. Er fährt Rennrad. Mit Erik Zabel teilt er ein Zimmer.

Als sich im Land alles ändert, ist er 23 und muss sich entscheiden: Profivertrag oder Studium? Rainer entscheidet sich fürs Studium: Maschinenbau, genau wie sein Vater.

1993 lernt er Rebecca beim Triathlon kennen. Gemeinsam laufen sie über die Ziellinie – ein Start in ein gemeinsames Leben. Auch Rebecca trainiert hart und viel, kann die Dinge jedoch viel leichter angehen. Wenn’s nicht klappt mit dem Sieg – was soll’s? Rainer will es den anderen beweisen, sie eher sich selbst. Und sie will die Welt sehen. Bevor sie Rainer kennengelernt hat, hat sie eine Reise ans andere Ende der Welt gebucht. Mindestens sechs Monate will sie fort sein; hält die Liebe das aus? Sie hält, denn Rainer reist ihr nach. Gemeinsam kehren sie zurück und entschließen sich zu heiraten.

Nach sieben Jahren wird der erste Sohn geboren, es folgen Schlag auf Schlag ein zweiter und ein dritter. Rainer und Rebecca arbeiten abwechselnd, er von Montag bis Freitag als Ingenieur, sie von Freitag bis Sonntag in ihrer Schwimmschule. Ein Haus am Stadtrand ist der Ertrag, alles scheint perfekt. Und alles kostet Zeit und Mühe. Job, Sport, Wochenendaktivitäten der Kinder – Rainer will das Unmögliche: Alles soll perfekt sein, immer.

Die Ehe fängt an zu kriseln, eine Paartherapie wird nach wenigen Sitzungen abgebrochen. Rainer kommt nicht raus aus seinem Hamsterrad, er erreicht viel, aber nie genug. Er besteigt den Kilimandscharo, und auch das macht ihn nicht gelassener. Er kehrt mit der alten Unruhe zurück und wird krank. Während des Osterurlaubs an der Ostsee bekommt er krampfartige Zuckungen im Gesicht.

Die Diagnose: Glioblastom, ein aggressiver Gehirntumor, der Rainer nach Ansicht der Ärzte kaum mehr als ein Jahr Lebenszeit lassen wird. Aber er kämpft – für Rebecca, für seine Jungs, seine Eltern, sich selbst. Er ringt dem Schicksal ein zweites Jahr ab und muss teuer dafür bezahlen. Sein Sprachvermögen ist nach der ersten Operation eingeschränkt, der Tumor, mitten im Sprachzentrum gelegen, kann nur unvollständig entfernt werden. Die Chemotherapien setzen ihm zu. Im ersten Jahr ist er noch mit dem Fahrrad zur Therapie gefahren, hat den Haushalt und die Fußballspiele der Jungs organisiert. Daran ist nun nicht mehr zu denken. Rebecca muss die Schwimmschule aufgeben und sich einen Job suchen, dem sie nachgehen kann, wenn die Kinder in der Schule sind. Nach der Arbeit betreut sie Rainer, kümmert sich um die Jungs, übt sich im Alleine-Klarkommen.

Rainers Sterben dauert lange, und über allem steht die Gewissheit, dass es keine Hoffnung gibt. Rebecca weiß es, die Jungs wissen es. Raphael, der Älteste, sagt: „Ich wünschte, Papa wäre bei einem Autounfall ums Leben gekommen, dann müsste ich ihm jetzt nicht beim Sterben zuschauen.“ Auch Rainer weiß um die Ausweglosigkeit, ignoriert sie aber bis zum Schluss. Noch im Hospiz spricht er davon, seine begonnene Promotion zu beenden, es muss doch alles perfekt sein.

Dann schläft er ein, schläft mehrere Tage, wacht nur kurz auf. Gemeinsam mit ihrer Schwester hält Rebecca Rainers Hand während der letzten Atemzüge. Sie verbringt noch ein paar Stunden bei ihrem toten Mann, verabschiedet sich und bringt Dinge ins Reine. „Auch wenn wir es nicht immer so leben konnten“, sagt Rebecca, „war unser Leben doch perfekt – zumindest ein bisschen.“ Bettina Gronau