Nachrufe : Regine Noack (Geb. 1944)

28.12.2012 00:00 UhrVon

"Franzosenbastard" haben die Kinder geschrien

Ihr Lachen, ihre knallroten Lippen und die tiefdunklen Augen“, schreibt ein deutscher Freund nach ihrem Tod, „sa beauté physique et celle du cœur“ – „ihre äußere Schönheit und die des Herzens“, ihre kleine französische Schwester.

Auf einem Foto aus früheren Tagen streckt Regine den weißen Hals, das schwarze Haar fließt auf ihre Schulter, über dem sanft geschwungenen Mund sitzt ein Muttermal und bewahrt ihr Gesicht vor elfenhafter Vollkommenheit. Auf einem Bild aus noch früheren Tagen schaut ein kleines Mädchen mit großen dunklen Augen ernst in die Kamera.

Deutsche Kinder haben ihren Kopf in Schneewehen gedrückt und „Franzosenbastard“ geschrien. Zur selben Zeit, in Frankreich, verschweigen tausende zurückgekehrter Kriegsgefangener ihre Liebschaften „avec une boche“ – „mit einer Deutschen“, die „un enfant maudit“ – „ein Kind der Schande“ geboren hatte.

2008, wenige Tage vor Weihnachten, liegt Regine in Berlin in der Badewanne. Steffen, ihr Mann, bringt ihr das Telefon: „Ein Anruf aus Frankreich.“ Zaghaft hält sie den Hörer ans Ohr. „C’est Édith, deine ältere Schwester. Gleich wird sich auch Nicole, deine jüngere Schwester, bei dir melden. Wir wollen dich sehen.“ Regine steigt aus der Wanne, tropfnass und verwirrt und glücklich.

Während des Krieges verliebten sich der französische Gefangene Marcel Lafosse und die deutsche Bauerntochter Anneliese Bühren auf dem Hof des Vaters im Sauerland ineinander. Anneliese, die Tochter der Sieger, wurde schwanger von einem Besiegten. Bevor ihr Bauch augenfällig anschwoll, schickten die Eltern sie unter dem Vorwand, einer Tante zur Hand gehen zu müssen, nach Brandenburg. Dort gebar sie Regine, ließ sie bei der Tante und fuhr nach Hause. Zwei Jahre später schickte man das Mädchen zu ihrer Mutter, eine Frau der Besiegten jetzt, mit dem Kind eines Siegers. Wenn die Kinder aus dem Dorf ihre Niederträchtigkeiten schrien, lief Anneliese hinaus und beschützte ihre Tochter. Aber Regine wollte schnell weg hier, heraus in die Welt. Sie ging als Au-pair nach London und Paris, sie begegnete Walter, zog mit ihm nach West-Berlin und bekam eine Tochter, Katharina. Sie holte das Abitur nach, studierte, begann an einer Grundschule zu unterrichten. Und sie traf Steffen. Auf hohen Schuhen, in eleganten Kleidern und mit diesem Isabelle-Adjani-Gesicht lief sie neben diesem rothaarigen, bärtigen Mann, der die Schöne nie mehr loslassen wollte. Aber sie war verheiratet; so vergingen Jahre des Ziehens und Zerrens, bis Regine sich entschied, das neue Leben zu wagen.

„Warum suchst du nicht nach deinem Vater?“, fragt Steffen. „Weil es auch die Geschichte meiner Mutter ist“, antwortet sie, „ich möchte ihr nicht weh tun. Und ist es nicht möglich, dass mein Vater mich verleugnet hat?“ Sie bekommt ein Buch des französischen Journalisten Jean-Paul Picaper geschenkt, „Le Crime d’aimer“ – „Liebe als Verbrechen“, und beginnt zu forschen. Der Weg über die Ämter in Frankreich erweist sich als zäh. Jean-Paul Picaper verspricht zu helfen. Er kommt mit einem Filmteam nach Berlin. Im Telefonbuch finden sie zwei Nummern, die infrage kommen. Bei der zweiten meldet sich eine Frauenstimme. Die Kamera läuft. Jean-Paul Picaper trägt sein Anliegen vor. Die Frauenstimme klingt unsicher. Sie sei die Witwe von Marcel Lafosse, sagt sie, er habe zwei Töchter, eine vor, eine nach dem Krieg geboren. Regine hält sich mit einer Hand am Türrahmen fest. Picaper schlägt vor, ein Foto von der kleinen Regine auf dem Bauernhof nach Frankreich zu schicken. Vier Tage später ruft Madame Lafosse zurück. „Je le sais“, sagt sie, „ich weiß, dass mein Mann eine Tochter in Deutschland hat. Er trug ihr Bild immer bei sich.“

Drei Jahre bleiben den Schwestern, drei warme, lebendige Jahre, auch wenn der Tod hinter allem hockt. Im Grunde hat Regine nun Zeit, sie unterrichtet nicht mehr, hat die Arbeit für die Projektschulen reduziert. Aber die Zeit zerrinnt, der Krebs kriecht tiefer in ihren Körper. Sie fährt ein letztes Mal nach Paris. Auf einem Foto sitzt sie in einem Restaurant, ihre vollen dunklen Haare fließen auf die Schultern, ihre Augen glühen und ihr schöner roter Mund lächelt. Tatjana Wulfert

zur Startseite

Umfrage

Soll die Hauptstraße in Schöneberg in David-Bowie-Straße umbenannt werden?

Altersvorsorge

Altersvorsorge

Welche Vorsorge-Optionen gibt es? Und welche Maßnahmen sind wirklich sinnvoll? Präsentiert von unserem Partner CosmosDirekt klären wir offene Fragen.

Diese und weitere Informationen zum Thema Altersvorsorge finden Sie auf unserer Themenseite.

Folgen Sie unserer Berlinredaktion auf Twitter:

Tanja Buntrock:
Karin Christmann:


Robert Ide:


Sigrid Kneist:


Anke Myrrhe:


Hier twittert die Stadtleben-Redaktion des Tagesspiegels. Tipps und Trends, Themen und Termine - alles, was die Stadt bewegt:



Machen Sie mit und verlinken Sie Ihre morgendlichen Fotos mit dem Hashtag #gmberlin. Oder schicken Sie Ihre Fotos wie gewohnt an leserbilder@tagesspiegel.de! Wir freuen uns auf Ihre Bilder!


Die ersten Ergebnisse sehen Sie in unserer Fotostrecke.


Tagesspiegel lokal

Zehlendorf-Kiez

Zehlendorf – fein, langweilig, reich? Denkste! Wir hinterfragen gemeinsam mit Jugendlichen, Erwachsenen, Prominenten Klischees und schreiben spannende Geschichten aus dem Stadtteil: über Menschen, lokale Politik und ein Lebensgefühl mit Wasser und Wald. Schreiben Sie mit an unserer Seite über Zehlendorf!

Zum Ortsteil Zehlendorf


Ku'damm

Alle reden vom neuen Aufschwung am berühmten Berliner Kurfürstendamm. Wir zeigen die Fortschritte, aber auch Schattenseiten der Entwicklung in der westlichen Innenstadt und stellen die Menschen dort vor. Machen Sie mit bei unserer Seite zum Ku'damm-Kiez!

Zum Ortsteil Ku'damm


Spandau

Kaum ein Bezirk ist so kontrastreich wie das "gallische Dorf" am Westrand Berlins, vom riesigen Stadtforst bis zu bedeutenden Industriestandorten von Konzernen wie BMW und Siemens, von Großsiedlungen wie dem Falkenhagener Feld über das dörfliche Gatow bis hin zu den Kladower Villen. Unser Portal ist eine Mischung aus aktuellen Nachrichten, Kiez-Reportagen und Debatten-Plattform. Mischen Sie mit!

Zum Ortsteil Spandau


Pankow

Pankow boomt. Das Gebiet nördlich vom Prenzlauer Berg wächst rasant. Zu DDR-Zeiten lebten hier vor allem Diplomaten, Funktionäre und Künstler; nun kommen Familien aus dem Prenzlauer Berg hinzu. Eine interessante Mischung. Wir berichten, wie sich das alte Pankow verändert und wer es verändert. Und wir erzählen Geschichten aus der Zeit vor 1989. Die sind spannender als jeder Krimi.

Zum Ortsteil Pankow


Wedding

Der Wedding lebt. Nur wie? Finden wir es heraus, gemeinsam. Wir: die Leser und die Journalisten des Tagesspiegels. Wir schreiben: Eine Seite über den Wedding. Den alten. Den neuen. Den guten. Den schlechten. Und den dazwischen. Früher Bezirk, bis heute Ereignis. Machen Sie mit bei unserer Seite über den Wedding-Kiez!

Zum Ortsteil Wedding


Kreuzberg

Berlin ist Kreuzberg. Und umgekehrt. Kaum ein anderer Berliner Bezirk wird so stark mit der Hauptstadt in Verbindung gebracht wie Kreuzberg. Was die Kreuzberger bewegt, viele Kiezgeschichten und Meinungen lesen Sie im hyperlokalen Projekt des Tagesspiegels.

Zum Ortsteil Kreuzberg


Service

Nachrichten aus den Bezirken

Weitere Themen

Veranstaltungen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden regelmäßig Salons, Vorträge und Debatten statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.