Berlin : Nacht ohne Feuer

Die Zahl der angezündeten Autos ging zuletzt stetig zurück – bis auf null am Sonntag. Eine Folge stärkerer Polizeipräsenz?

 Katrin Schulze
In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Autobränden in Berlin. In den meisten Fällen flüchteten die Täter unerkannt.
In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Autobränden in Berlin. In den meisten Fällen flüchteten die Täter unerkannt.Foto: dpa

Ist es eine trügerische Ruhe, die Berlin in der Nacht zu Sonntag befallen hat? Zwölf Nächte in Folge hatte es in der Stadt zuvor gebrannt. Jede Nacht standen irgendwo Autos in Flammen – in Westend und Treptow, in Neukölln und in Reinickendorf. Und nun? Nichts. Erstmals seit knapp zwei Wochen wurde kein einziger Vorfall von Brandstiftung verzeichnet. „Das war für uns sehr erfreulich“, sagt Polizeisprecher Martin Otter. „Doch wir müssen abwarten, ob es auch weiter so bleibt. Erst dann können wir von einem Erfolg sprechen.“

Wirklich sicher kann sich immer noch kein Fahrzeugbesitzer sein, ob nicht irgendwann auch sein liebstes Stück abgefackelt wird. Dabei zählt nicht als Problem, dass irgendwo in der Stadt mal ein Auto angezündet wird – das kennt man in Berlin. Vielmehr ist es die unglaubliche Serie an Bränden, die Fragen aufwirft. Die wesentliche lautet: Wie kann die Polizei das Problem bewältigen – mit mehr Personal vielleicht?

Zuletzt tendierte die Sicherheitspolitik eher in die andere Richtung. In den vergangenen zehn Jahren wurde der Berliner Polizeiapparat nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) um 4000 Stellen geschrumpft: Aus gut 20 000 Stellen im Jahr 2001 wurden etwa 16 000. Die aktuelle Personalsituation beschreibt der stellvertretende Landesbezirksvorsitzende der GdP, Detlef Herrmann, als „drastisch unterdimensioniert“.

Dass nun die Bundespolizei bei der Jagd auf die Brandstifter in Berlin aushelfen muss, bestätigt ihn in der Annahme, dass mehr Kräfte benötigt werden. Am Freitagvormittag konnten zwar zwei Brandstifter gefasst werden, die in Prenzlauer Berg Papierstapel vor einem Hauseingang angezündet hatten. Doch die Festnahmen waren kein Resultat der Ermittlungsarbeit der Polizei, sondern wurde durch die Aufmerksamkeit und den Mut von Anwohnern ermöglicht. Die hatten die Täter in der Danziger Straße beobachtet, das Feuer gelöscht und die zwei Männer zu Fuß verfolgt. Per Handy leiteten die Passanten die Polizei zu den flüchtenden Tätern.

Mindestens 400 bis 500 Polizisten mehr fordert die Gewerkschaft. Renate Künast, die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Abgeordnetenhauswahl am 18. September, hat kürzlich eine Personalaufstockung in gleicher Höhe verlangt. Neben der CDU, die Künasts Pläne als „hilflos, panisch und unglaubwürdig“ einstufte, kritisiert die Berliner FDP, dass es sich dabei lediglich um eine Umschichtung handele, bei der Kräfte aus der Polizeiverwaltung gewonnen werden sollen – eine angeblich „uralte Forderung“. Die Liberalen setzen sich, wie die CDU, schon länger für mehr Polizisten auf den Straßen ein.

Würde aber alles gar nichts helfen, glaubt zumindest die rot-rote Landesregierung. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hält die momentane Personallage für ausreichend. Herbeigeführt hatte sie seinerzeit Thilo Sarrazin. Der frühere Finanzsenator leitete im Zuge der Sparmaßnahmen den Abbau des Polizeipersonals ein, wobei ihm Hamburg, die von den Polizeiaufgaben her einzig vergleichbare deutsche Stadt, als Orientierungspunkt diente. Inzwischen hat Berlin pro Kopf ähnlich viele Polizeibeamte im Einsatz wie die Hansestadt, hinzukommen Kräfte für Hauptstadtaufgaben.

Und tatsächlich: Die Kriminalstatistik spricht für die Herangehensweise des Senats, ist die Zahl der Straftaten in Berlin im vergangenen Jahr doch erneut gesunken. Sie ist sogar so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Überall? Nein, nicht im Bereich Brandstiftung, da wurde eine Zunahme um knapp zehn Prozent verzeichnet. Trotzdem sagt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD): „Wir können nicht die ganze Stadt überwachen.“

Es scheint bei gut 5000 Berliner Straßenkilometern wirklich unmöglich, jede Ecke zu kontrollieren. Aber das sei auch nicht der Zweck, sagt GdP-Mann Herrmann, ihm gehe es um Abschreckung als Präventionsmaßnahme: „Wenn die Polizei mehr Präsenz zeigen würde, könnte man weitere Brandstiftungen unterbinden.“ Seit einer knappen Woche sind nun pro Nacht bis zu 500 Polizisten und ein zusätzlicher Hubschrauber mit Wärmebildkamera im Einsatz. In der Nacht zu Samstag zeigte das offensichtlich erstmals Wirkung.

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