Berlin : Nachtbaden

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VON TAG ZU TAG

Elisabeth Binder

über historisch heiße Premieren

Dies ist der Sommer der ersten Male. Zum ersten Mal auf dem Weg zu einer abendlichen Verabredung die Jacke vergessen. In einem Land, wo eine veritable Hitzeperiode etwas Besonderes ist, muss man ja nicht mal die Klimaanlagen fürchten, die in notorisch heißen Ländern den zuverlässigen Nachschub an Sommererkältungen gewährleisten. Das Allerschönste: Man vermisst sie nicht mal nachts um eins bei der Heimkehr durch die wattewarme Luft.

Und noch ein erstes Mal: das Gefühl, wettermäßig in historischen Zeiten zu leben. Eins ist ja sicher: Wenn es in zehn oder dreißig Jahren heißt: „Früher waren die Sommer aber schöner“, ist ganz klar, dass damit nur dieser gemeint sein kann.

Zum ersten Mal ohne Strümpfe ins Büro. Kostet anfangs Überwindung, weil man sich ja doch nicht vollständig angezogen fühlt. Bringt aber einen Hauch von Urlaub in den Alltag. Eins fehlt noch. Die Seen, in denen man auch nachts baden kann, sind alle ziemlich weit draußen. Und, ist die Sonne erstmal untergegangen, ziemlich schlecht beleuchtet.

In normalen Jahren wird es ja selbst im Juli gerade mal mittags so warm, dass man bibbernd ein paar Runden durchs Schwimmbad zieht. Aber in diesen schwelgerischen Tagen könnte man sich rund um die Uhr im Wasser aalen. Nachts macht das nun mal besonders viel Spaß, weil das Bad dann noch mit dem süßen Parfüm der Anarchie beträufelt ist.

Glückliche Münchner. Zwar haben sie teure Mieten, aber dafür auch tolle Lebensqualität in Gestalt eines Freibades, das bis spätabends geöffnet ist. Für Berlin, die Stadt, die sich so lange rühmte, als einzige Deutschlands keine Sperrstunde zu haben, müsste das eine Herausforderung sein. Wo bitte bleibt die lange Nacht der Freibäder?

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