Nachtleben der Zwanziger Jahre : Berlin zwischen Exzess und Exitus

Opulente Dinner, Tabubrüche in Bars und Kabaretts: Berlins Nächte sind lang – manche enden tödlich. Ein fiktiver Bericht vom 11. November 1928.

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Tanz auf dem Vulkan. Im Lokal Eldorado verschwimmen Geschlechtergrenzen.
Tanz auf dem Vulkan. Im Lokal Eldorado verschwimmen Geschlechtergrenzen.Foto: bpk

Anlässlich des Serienstarts von "Babylon Berlin" am 13. Oktober haben wir ein Gedankenexperiment gewagt und Artikel aus der damaligen Sicht verfasst. Dabei fiel uns auf: Viele Themen - Wohnungsnot, Ärger um den Flughafen, wilde Partynächte - stehen damals wie heute für Berlin.

Nun ist sie tot: Anita Berber, 28 Jahre alt. Allerdings sagen nun viele, das sei bei dem Lebenswandel auch kein Wunder – so eine schamlose Person! Jetzt, wo es so richtig zur Sache geht in Berlin, wo gerade das Haus Vaterland am Potsdamer Platz eröffnet hat und die ganze Welt auf die Stadt schaut, hätte man sie brauchen können.

Andererseits: eine Nackttänzerin und Skandalnudel, die jede bekannte und ein paar unbekannte Drogen genommen hat, die sich von Otto Dix als Wrack hat malen lassen und mehr in Beirut aufgetreten ist als in Berlin, das war wohl auch nicht ganz das Richtige. An „galoppierender Schwindsucht“ sei sie gestorben, sagen die Ärzte vom Bethanien-Krankenhaus, nachdem sie vor einem halben Jahr in Beirut von der Bühne gekippt war, da kann sich ja jeder seins bei denken.

Aber ganz allgemein betrachtet: Es stimmt ja, was die Leute über unser Berlin denken. Wir sind die drittgrößte Stadt der Welt hinter New York und London, ein Drittel der 3,6 Millionen Bewohner jünger als zwanzig Jahre. Und wir haben den Krieg noch in den Knochen, das stimmt und macht uns halb ängstlich, halb gierig. Gleich 1918 hat ja auch die Berber angefangen mit ihren Auftritten, da war sie gerade 18 Jahre alt. Da raste auch bald die Inflation los, das Geld musste weg, weil es morgens nicht mal mehr halb so viel wert war wie am Abend davor, also wenn das Lebenslust und Lebensgier nicht beflügelt …

Tanzen ohne die Last der Nachkriegsjahre

Ende 1923, als die Inflation zu Ende war, tanzte unsere Republik gleich weiter, auf festerem Boden geht das ja auch ganz gut, und die Reichen und Schönen der Hauptstadt liefen natürlich alle gleich wieder ins Adlon, denn dessen Weinvorräte hatten ja wertstabil überlebt, und Köche und Kellner gab es reichlich. Die Silvesterfeier 23/24 reichte zwar in ihrem Prunk noch nicht ganz an die Exzesse der späten Kaiserzeit heran, aber die Küche fuhr schon wieder mächtig auf: Straßburger Gänseleberpastete mit Périgord-Trüffeln, Seezungenschnitten Mantua, Tournedos Adlon. In der Nacht übertrug das Radio die große Neujahrsreportage von Alfred Braun, es spielte die Kapelle Marek Weber.

Seit dem Ende der Inflation vor fünf Jahren ist alles anders geworden, der Vulkan, auf dem wir vorher tanzten, scheint sich ein bisschen abgekühlt zu haben. Die Menschen, befreit von der Last der Kriegs- und Nachkriegsjahre, drängen sich seither wieder in Bars und Kabaretts, Cafés und Tanzlokalen, üben sich in Charleston, Two Step und Tango, greifen exzessiv zu Kokain und Morphium – ganz nach dem Vorbild der Berber, von der eine Legende berichtet, sie sei eines Tages mit zwei jungen Männern in den Adlon-Speisesaal geschwebt, habe drei Flaschen Champagner bestellt und dann wie nebenbei den Pelzmantel zu Boden fallen lassen, darunter ganz und gar nackt.

Wenn die Polizei im Variété anrückt

Auch im Metropol-Varieté rückte zu ihren Auftritten öfter die Polizei an, von empörten Sittenwächtern gerufen. Sitten und Moral spielen keine wesentliche Rolle mehr unter jenen, die sich den passenden Lebenswandel leisten können. Sogar Louis Adlon, der große Verführer und seit sieben Jahren Chef des Hauses, hat sich mal in einem albernen Don-Juan-Kostüm ablichten lassen, in dem er aussah wie ein balzender Gockel – fünf Kinder wollen erarbeitet sein. Gut, dass sich die berühmten Gäste des Hotels wie Thomas Mann, Greta Garbo, Sinclair Lewis oder Charlie Chaplin in der Regel sittsamer benehmen.

Ganz köstlich amüsiert
"Das Auto des kleinen Mannes", so hatte Fotograf Willy Römer das Transportmittel dieser Familie genannt. Die Aufnahme stammt von 1927.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: bpk /Edition Braus
12.04.2016 18:54"Das Auto des kleinen Mannes", so hatte Fotograf Willy Römer das Transportmittel dieser Familie genannt. Die Aufnahme stammt von...

Aber auch der Kurfürstendamm, erst 1920 Teil von Groß-Berlin geworden, hat sich an die ausgelassene Stimmung angehängt. Hier wohnt die feine Gesellschaft, es gibt unzählige Kinos wie das Marmorhaus, in dem „Das Kabinett des Dr. Caligari“ uraufgeführt wurde. Max Reinhardt arbeitet an der Komödie am Kurfürstendamm, und die Revuen im Nelson-Theater sind durch Stars wie Josephine Baker im ganzen Land populär geworden. Die Comedian Harmonists reißen ihre Fans zu Applausorkanen hin, und das Wintergarten-Varieté am Bahnhof Friedrichstraße zieht Gäste aus der ganzen Welt an.

Das schwule und lesbische Berlin feiert im "Bermuda-Dreieck"

Ach ja: Mehr oder weniger offen können auch Schwule und Lesben ihr Leben führen, angezogen von Leitfiguren wie Christopher Isherwood und Claire Waldoff. 170 homosexuelle Clubs und Kneipen soll es geben, vorwiegend im „Bermuda-Dreieck“ zwischen Bülowstraße und Winterfeldtplatz. Die Travestie-Shows im Eldorado sind berühmt, aber die Leute gehen auch in Kneipen im dritten Hinterhof wie Claire Waldoffs Stammkneipe Topp-Keller in der Schöneberger Schwerinstraße.

Um auf das brandneue Haus Vaterland zurückzukommen, das ehemalige Haus Potsdam am Potsdamer Platz: Da ist wirklich was los. Es ist komplett umgebaut worden, die Leute vom Kempinski haben die Leitung übernommen. Drinnen steckt ein ganzes Dutzend von Restaurants, jedes mit einem anderen Motto, deutsch, ungarisch, österreichisch, japanisch, Wild-West, und einer Ausstattung, wie es sie auch in Paris oder New York nicht gibt.

Das schwule und lesbische Berlin der zwanziger Jahre
Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Hier trafen sich Homos und Heteros, Berliner und Touristen. "Zwischen den Tänzen, bei denen auch der Normale sich den pikanten Genuss leisten kann, mit einem effeminierten Manne in Frauenkleidern zu tanzen, gibt es Brettldarbietungen. Eine männliche Chanteuse singt mit ihrem schrillen Sopran  zweideutige Pariser Chansons", schrieb ein Reiseführer durch das "lasterhafte Berlin". Neben dem Stammsitz in der Lutherstraße eröffnete wegen des rauschenden Erfolges im Jahr 1928 eine Zweitniederlassung an der Ecke Kalkreuthstraße/Motzstraße, die dieses Bild im Jahr 1932 zeigt. In der Szene war das Eldorado durchaus umstritten: Homosexuelle würden hier vor einem heterosexuellen Publikum zur Schau gestellt, hieß es.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: Wikipedia/BY-SA 3.0 de
09.04.2015 17:30Der berühmteste Club des schwul-lesbischen Berlins der Zwanziger war das Eldorado, dank seiner Travestie-Shows weit über die...

In der Rheinterrasse zum Beispiel machen sie das Wetter am Rhein nach, und zwar richtig: „Im Haus Vaterland ißt man gründlich, hier gewittert’s stündlich“, heißt es. Die Wolkenbrüche über St. Goar sind so echt, dass die Tische der Gäste mit Glasscheiben gegen die Kulisse abgetrennt sind. Und im Mini-Rheintal fahren Modelleisenbahnen und Schiffsmodelle, und die Lufthansa lässt sogar Flugzeugmodelle an dünnen Fäden über die Szene fliegen.

Nun warten wir mal die Beerdigung der Berber ab. Das wird sicher ein Großauftrieb aller Schrägen und Schönen der Republik. Wieder ein Tanz auf dem Vulkan.

Zum Weiterlesen: Berlins Nachtleben und die Gründung der BVG. Weitere Artikel zum Thema "Zwanziger Jahre in Berlin" finden Sie hier.

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