Berlin : "Nachwuchs-Echo": Paula, das Gör

Esther Kogelboom

Popmusik ist, wenn man Fotoshootings in weißen Space-Kleidern mit Stehkragen macht. Wenn man zuhause ein eigenes Studio hat, das aus nicht viel mehr als einem guten Computer besteht. Popmusik ist, wenn im Bandnamen das Wort "Boys" vorkommt. Oder die Band einfach einen Mädchennamen trägt. Paula. Das ist schick und fein. Ein schöner, ernster, klarer Name, eine nette Band, deren erstes Alben "Himmelfahrt" heißt.

Irgendwie melancholisch-euphorisch wollen Elke Brauweiler und Berend Intelmann sein. Romantisch. Synthetisch. Mal mit Schmerz, mal schmerzfrei. Wie die Pet Shop Boys. Elke und Berend trafen sich 1997 beim Konzert der Pet Shop Boys. Sie Violinistin und Bratschistin mit hoher Herzeleid-Stimme, er Schlagzeuger und Gitarrist mit Konzept. Dafür gab es keinen Raum, in den Clubs spielten Rock-Bands und Paula hatte Angst, dass niemand sie hören will.

Also schnappten sich Elke und Berend Gitarre und Bontempi-Orgel und setzten sich aufs Sofa. Das Sofa stand in einem befreundeten Wohnzimmer. Es kamen ein paar Leute, die nicht zu dem Wohnzimmer gehörten, dann ein paar Fernsehteams und wir hatten die Wohnzimmerszene - der beste Beweis, dass Underground auch etwas anderes bedeuten kann als harte Kerle mit harten Riffs. Mittlerweile füllt Paula große Hallen und die Wohnzimmerszene gibt es nicht mehr wirklich. Jetzt ist die Band für den Nachwuchs-Echo nominiert, der am Donnerstag von der Deutschen Phonoakedemie in Kooperation mit dem Potsdamer Sender "Radio Fritz" vergeben wird.

"Zuerst habe ich gedacht: naja", sagt Berend. "Aber jetzt bin ich schon ein bisschen aufgeregt." Es ist Montag morgen, die Preisverleihung ist Donnerstag und Berend knibbelt an seinen Fingerspitzen. Im Café Schwarzenraben kann man sich noch in Zimmerlautstärke unterhalten. Die "Fritz"-Hörer konnten bestimmen, welche Band den Nachwuchspreis bekommt. Das Ergebnis allerdings ist noch streng geheim. "Es ist unglaublich großartig, dass wir nominiert sind", sagt Elke, nippt am Cappuccino und spießt den Kuchen auf und kaut. "Aber Nachwuchsband klingt wie Schülerband. Wir sind aber keine Schülerband."

Popmusik soll weh tun, meint sie. Berend ist sich nicht so sicher: "Gefühle können bescheißen. Na, und? Es muss sinnlich sein." - "Ja, Pop ist pures Gefühl." Sagt Elke. Beide sind Berliner Schüler, die sich heimlich Poesie-Alben zustecken. Das Glück ist wie ein Omnibus, auf den man lange warten muss. Lieblingsfrühstück: Käsebrot. Hobby: Sehnsucht. Fast wäre Paula einmal in der Hitparade aufgetreten, fast hätten sie letztes Jahr bei der Grand-Prix-Vorentscheidung mitgemacht, fast wären sie in einer RTL2-Show aufgetreten. "Das erste, was ich bei der RTL2-Aufzeichnung gesehen habe, waren große Brüste."

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Klar, da wollte Berend nicht mehr. Und Elke auch nicht. Die Fernseh-Show, in der die beiden spielen, muss erst noch erfunden werden. Das macht nichts. Dafür ist Paula ein Unikat, ein ungezogenes, freches Kind, das manchmal House mit Elektro-Funk verwechselt und dann auf einmal wie "Er gehört zu mir" klingt. Ein Gör, dass sich nicht entscheiden kann. Paula, so wollten Elke und Berend eigentlich ihr gemeinsames Kind nennen, das es nicht gibt. In der Pet-Shop-Boys-Phase ihrer Bekanntschaft.

Elke und Berend sind vielleicht ein bisschen ätherisch und können nicht streng gucken, auch wenn sie es versuchen. Stattdessen bekommt Elke rote Wangen, als sie von der Grand-Prix-Vorentscheidung, bei deren Aufzeichnung sie im Publikum saß, erzählt. "Da hab ich zwischen den Big-Brother-Leuten gesessen, und plötzlich erschien auf der Bühne beim Aufbau mein echter Bruder. Ich hab gedacht, ich guck nicht richtig. Mein Bruder ist auch bei der Echo-Verleihung dabei und baut die Bühne auf."

Berend Intelmann lächelt. Er weiß, dass Elke ihren Bruder erst seit kurzem kennt. Sie ist ein Adoptiv-Kind. "Mein Bruder ist auch Musiker", sagt sie stolz. "Liebe" gibt es ab dem 23.õApril. Das neue Album eignet sich gut zum Autofahren, findet Elke Brauweiler. Stilwechsel? "Das klingt zwar blöd, aber vielleicht ist Paula erwachsen geworden." Auf der Straße und im Märchenschloss.

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