Berlin : Nadelstiche aus dem Sauerland

Versprochen war „Berlins schönster Weihnachtsbaum“. Geliefert wurde: Elefantenfutter aus Winterberg

Stefan Jacobs

Exakt um 11.11 Uhr an diesem 11.11. setzt sich der Autokran am Breitscheidplatz in Bewegung, um Berlins prominentesten Weihnachtsbaum aufzurichten. Die 18 Meter lange Fichte, die wie ein betäubter Wal auf dem Sattelschlepper neben der Gedächtniskirche liegt, ächzt. Dann hängt sie in der Luft, als wolle sie jeden Moment durchbrechen. Aber nur ein paar große Äste und erstaunlich viele trockene Nadeln rieseln auf den Gehweg. Zufällig anwesende japanische Touristen zücken ihre Digitalkameras. Extra hergekommene Berliner packen ihre Fotoapparate seufzend ein. „So eine Katastrophe. Da haben wir im Garten ja einen schöneren“, sagt eine etwa 60-Jährige zu ihrem Mann. Berlin hat wieder mal Pech gehabt: Der erste Hauptstadt-Baum ist eine Krücke.

Die Fichte – inklusive Fracht – ist eine Spende aus Winterberg im Sauerland. Einerseits. Andererseits war sie ohnehin fällig, weil sie auf einem Parkplatz stand, der nächstes Jahr bebaut wird. Der extra angereiste Winterberger Kurdirektor Michael Siebert weiß um die Berliner Weihnachtsbaum-Pleiten vergangener Jahre: Einer brach beim Aufstellen durch, einer fiel kurz vor Heiligabend um, ein anderer Mickerling wurde unter Beifall zersägt und an die Elefanten im Zoo verfüttert. „Ich komme mit sehr gutem Gewissen her“, hatte Siebert zuvor gesagt. Jetzt steht er schweigend zwischen erschütterten Passanten, Baum und Kirche. Arbeiter zirkeln die Fichte in ein vorbereitetes Loch. Sie haben volle Baufreiheit, denn auf den unteren zwei Metern ist der Baum völlig kahl, und die dürren Ruten mit den grünen Pinseln weiter oben stören auch nicht groß.

Ein paar Schritte weiter beginnt Christian Wagner vom Berliner Schaustellerverband, der den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz betreibt, zu frösteln. „Die Gemeinde Winterberg hat uns den schönsten Weihnachtsbaum Berlins versprochen“, berichtet er. Der Schaustellerverband hat nicht nur den Kran gemietet, sondern auch einen Weihnachtsmann und zwei silbrig glitzernde Engel aufgeboten, um dem Ereignis die gebührende Festlichkeit zu verleihen. Knecht Ruprecht versteckt sich hinter seinem Bart, die Engel zittern. „Blamabel“, sagt der blonde Engel. „So ist er wirklich nicht schön. Aber vielleicht kann man ihn ja noch hinzaubern.“ Wie, weiß sie auch nicht recht. Sie ist ja nur ein Miet-Engel.

Der Kurdirektor verkündet mit grimmiger Miene: „Ich bin begeistert! Wem er nicht gefällt, der soll sich einen malen!“ Im Übrigen muss er jetzt los. Während Kran und Bauarbeiter mit vereinten Kräften die größten Wunden der Fichte zur Kirche drehen, gibt Christian Wagner vom Schaustellerverband die Parole aus: „Den werden wir ordentlich schmücken … müssen. Mit Dekoration kann man ja eine Menge machen.“ Am 24. November sollen 600 Christbaumkugeln hängen und die Lichterketten angehen. Falls der Baum dann noch steht. Die Senatskanzlei hat schon einen Notfallplan parat: Sollte die Fichte einhellig „das Prädikat kW – kümmerlicher Weihnachtsbaum – bekommen“, könnte man die Forstverwaltung um Ersatz bitten, sagt ein Sprecher von Klaus Wowereit. Die Elefanten würden sich freuen.

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