Berlin : Nadine Seiffert: Kommissars Liebling

Tanja Buntrock

Etwas mulmig wurde Nadine Seiffert damals schon, als sie plötzlich aus der Zeitung erfuhr, ein 29-jähriger Bankangestellter aus Palermo habe sich so sehr in sie verliebt, dass er ihr einen Heiratsantrag machen wollte. Dabei sind die beiden sich nie begegnet. Der Italiener hatte sich vor dem Bildschirm in sie verguckt - oder vielmehr in die Tochter von Kommissar Andreas Wolff in der Sat 1-Krimiserie "Wolffs Revier", dargestellt von der Schauspielerin Nadine Seiffert. Vor ihrer Tür stand der Mann aus Palermo dann doch nicht, die Sache verlief im Sande.

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Seit fast zehn Jahren läuft die Krimireihe, die in Berlin gedreht wird. Ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis 1993, erfreuen sich inzwischen nicht nur Zuschauer in Deutschland und heiratswillige Fans in Italien, sondern auch Holländer, Polen, Spanier und auch Iraner daran, wie der umtriebige Kommissar Wolff (gespielt von Jürgen Heinrich) großen und kleinen Gangstern das Leben schwer macht. Vor allem die Szenen zwischen Vater und Tochter Wolff sind bei den Fans beliebt.

Wolffs Tochter Verena, die stets mit erstaunlichen Frisuren aufwartet (mal rot-gestoppelt, mal struwelig hellblond gefärbt), ist frech, neugierig und abenteuerlustig - für eine Kommissarstochter zuweilen eine gefährliche Kombination. Denn wenn Verena gelegentlich auf illegale Abwege wie mit Drogen gerät, wird die Sache auch für den Vater haarig.

Die Rolle der Verena Wolff scheint Nadine Seiffert wie auf den Leib geschneidert. Die 23-jährige, die in Friedrichshain aufwuchs und in Alt-Treptow lebt, redet, wie ihr das Maul gewachsen ist. "Ich bin der Figur Verena sehr ähnlich", sagt Nadine, "spontan, gerade heraus und neugierig, allerdings bin ich nicht ganz so unvorsichtig wie sie".

Ihrem spontanen und unbefangenem Wesen hat sie es zu verdanken, dass sie vor zehn Jahren für die Serie entdeckt worden ist. Ahnungslos tapste die damalige Achtklässlerin mit einer Freundin zum Casting-Termin. Erfahren hatten die beiden davon in einem Schulaushang. "Ich dachte, da sucht irgend so ein Drittes Programm ein Mädchen für eine ganz kleine Rolle", erinnert sich Nadine. Falsch gedacht. Nachdem die damals 14-Jährige alle drei Casting-Hürden gemeistert und sich Jürgen Heinrich für sie entschieden hatte, "wurde mir und meinen Eltern erstmal erzählt, um was für eine große Serie es sich handelt". Fortan drückte sie weiter die Schulbank und drehte drei bis viermal im Monat ihre Szenen für die jeweilige Staffel ab. Geschadet hat es der ehrgeizigen Nadine nicht, denn ihr Abitur machte sie mit einem Notendurchschnitt von 1,5, und genug Privatleben für eine feste Beziehung blieb ihr auch noch.

Leiden wie "Mutter Beimer"

Doch so einfach, wie das Teenager-Leben als Schauspielerin klingt, war es bei weitem nicht. Anfangs mochte sie sich gar nicht auf dem Bildschirm sehen. Das Herz rutschte ihr fast in die Hose, wenn die Titelmelodie aus dem Fernsehgerät tönte, "und ich fand es furchtbar, wie ich in der Rolle rüberkam".

Mit Beginn der Ausstrahlung änderte sich auch Nadines Privatleben. "Plötzlich war ich eine öffentliche Person, und niemand hat mich darauf vorbereitet", erzählt Nadine Seiffert, "die Leute hatten weniger Hemmungen, mich zu begtatschen, mich anzureden." Wenn sie irgendwo Einkaufen ging, hörte sie, wie die Leute ihr "Da, Wolffs Tochter" hinterherriefen. Auf einmal teilte sie das Leid, das auch "Mutter Beimer" aus der "Lindenstraße" erfahren musste - für die Menschen draußen ist man nur noch das, was man spielt.

Besonders schwierig wurde es, wenn sie ihre Stamm-Diskothek besuchte. "Damals lief die Serie noch donnerstags. Die Leute haben mich vorher im Fernsehen und hinterher beim Tanzen gesehen, da wurde natürlich nur noch darüber gesprochen. Ich hatte keine Ruhe mehr", erzählt sie immer noch ein wenig empört. "Da habe ich oft ziemlich zickig reagiert."

Mittlerweile "hat sich das alles eingependelt", und das nicht etwa, weil die Serie jetzt mittwochs läuft. "Ich habe mit der Zeit gelernt, damit umzugehen". Nadine ist erwachsen geworden, hat sich zu einer selbstbewussten Frau entwickelt, genau wie die Kommissarstochter Verena. Nadine Seiffert erzählt, sie habe die Drehbuchautoren gebeten, "sich die Verena weiterentwickeln zu lassen". Als neugierig, aufgeschlossen und interessiert sieht sich auch die Schauspielerin selbst - vor allem aber als "realistisch". Und weil sie weiß, dass es mit der bislang guten Quote auch ganz schnell bergab gehen kann oder "die Leute mein Gesicht einfach nicht mehr sehen können", habe sie sich von Anfang an ein "zweites Standbein" aufgebaut.

Nach dem Abitur begann Nadine Seiffert mit einem Studium der "Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation" an der Hochschule der Künste. Seitdem beschäftigt sie sich mit Fotografie und audiovisuellen Medien, übt sich in Marketingstrategien und Präsentationstechniken. "Ich bin ein neugieriger Mensch und habe immer das Bedürfnis, etwas Neues zu erfahren", sagt sie. Obwohl das ein wenig wie auswendig gelernt klingt, glaubt man ihr.

Wenn sie erzählt, was sie sich nach dem Studium beruflich vorstellen kann - in der Werbebranche arbeiten oder Dokumentarfilme drehen - klingt das nach mehr als nur Gewissensberuhigung. Für Nadine Seiffert gibt es ein Leben nach dem Abspann. "Ich kann mir ganz viel anderes außer Schauspielerei vorstellen, und meine bisherigen Erfahrungen werden mir dabei weiterhelfen", sagt sie selbstbewusst.

Es gibt ein Leben nach dem Abspann

Bislang jedoch kann sich Nadine Seiffert über ihren Erfolg als Schauspielerin nur freuen. Fernsehrollen bekam sie zur Genüge angeboten. Auch kleinere Rollen in anderen Serien hat sie gespielt. "Aber viele Angebote sind einfach schlecht", fügt sie hinzu, "wenn eine Rolle nur daraus besteht, nackt durch die Szene zu laufen, dann ist das nichts für mich." Daily-Soap-Formate kommen für die junge, zierliche Frau mit den neckischen Sommersprossen im Gesicht, nicht in Frage. "Ich lege Wert auf Qualität bei dem, was ich spiele und was ich mir selbst anschaue. Gegen gut gemachte Serien und Spielfilme habe ich nichts, es muss nur ein gewisser Anspruch da sein."

In Wolffs Revier sieht sie ihre Ansprüche verwirklicht, deshalb ist für sie dort kein Ende abzusehen. Schließlich macht sie das auch finanziell unabhängig. "Es ist ein großes Privileg, wenn man sich wenig Gedanken über Geld machen muss", gibt sie zu. Trotzdem findet sie, dass sie "ein gesundes Verhältnis zum Geld" hat. Sie lebt in einer 700-Mark-Altbauwohnung und fährt einen alten Gebrauchtwagen.

Nur hin und wieder gönnt sie sich Luxus, kauft sich ein teures Make-up oder füllt den Kühlschrank mit "lauter tollen Sachen auf". Selbst bei Extravaganzen bleibt Nadine Seiffert ziemlich bescheiden.

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