Berlin : Nächster Halt: Baustelle

Der Lehrter Bahnhof ist mehr Irrgarten als Superstation. Fahrgäste finden zum Beispiel den Ausgang nicht

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Von Christian van Lessen

„Steigen Sie hier bloß nicht aus“, rät ein ortskundiger Fahrgast der vierköpfigen Touristenfamilie, die gerade den S-Bahnzug am Lehrter Bahnhof verlassen will. Die Bahn kommt aus Richtung Zoo und die Besucher wollen zum Reichstagsgebäude, natürlich auch am Bundeskanzler– amt vorbei, beides haben sie fast greifbar vor Augen. „Fahren Sie lieber bis Friedrichstraße und gehen dann das Stück zurück.“ Solche Ratschläge sind Standard geworden auf Berlins künftigem Vorzeigebahnhof. Die Station, die völlig neu entsteht und noch für rund vier Jahre Baustelle sein wird, stellt Fahrgäste vor harte Belastungsproben. Es fehlen deutlich lesbare Hinweise, viele Bahnfahrer irren lange umher, bis sie den Ausgang finden. Einige blicken irritiert vom Bahnsteig tief hinunter in ein Gewirr von Gerüsten und Pfeilern. Der künftige Hauptbahnhof ist kein Wohlfühl-Ort. Und die nähere Umgebung ist nicht besser.

Was mal „Berlin Hauptbahnhof – Lehrter Bahnhof“ werden soll – Kreuzungsbahnhof für den Fern- und Regionalverkehr, für U- und S-Bahn – regt nicht zum Aussteigen an. Der Bahnsteig unterm gläsernen Dach scheint zwar endlos lang, aber wer aus dem Zug steigt, muss sich schon auskennen, um nicht gleich in die falsche Richtung zu laufen. Ein Security-Mann auf dem Bahnsteig bestätigt, dass viele Ortsfremde, auch Berliner, fast automatisch nach Osten laufen, weil sie dort den Ausgang vermuten. Sie gehen vielleicht 30 Meter, um dann zu erkennen, dass alle Auswege nach unten versperrt sind. Also geht es wieder zurück. So ist der rege Publikumsverkehr auf dem Bahnsteig auch durch das stete Hin und Her zu erklären. Es gibt zwar am Stationsschild einen kleinen weißen Pfeil auf grünem Grund, der zum Ausgang Invalidenstraße und Moltkebrücke weist, aber er ist auf Anhieb nur für Fahrgäste zu erkennen, die unmittelbar vor dem Schild stehen. Blau überklebt, aber lesbar ist der Hinweis auf die „Straße am ULAP“, was nicht nur Fremde völlig ratlos macht. ULAP war ein Vergnügungs- und Ausstellungspark in der Vorkriegszeit, irgendwo am Washingtonplatz. Auch den Platz kennt kaum jemand, die Baustellenwüste ringsum hat ihn offenbar gänzlich verschluckt.

Aber das sind nur Marginalien in der Wirrnis des Lehrter Bahnhofs, der noch und nur aus einem einzigen funktionsfähigen Bahnsteig besteht, Regionalzüge und Intercitys rasen vorbei. Es sind eigentlich zwei Teile, die abgezäunte Stege wie Brücken miteinander verbinden. Zwischen Gerüsten und Betonpfeilern gähnen die Abgründe mehrerer Etagen, die noch im Bau sind. Die Arbeiter unten sehen winzig aus. „Ich kann gar nicht runtergucken, es ist gruselig“, sagt eine Frau, die vorm Automaten für Getränke und Süßigkeiten steht, von denen es zwei gibt, flankiert von jeweils vier Sitzen. „Schauen Sie nach oben“, rät ihr jemand. Oben auf dem gläsernen Dach mit der großen Lücke werkeln noch immer Arbeiter, und das sieht aus, als turnten sie in einer Zirkuskuppel. Touristen mit Fotoapparaten haben in dem merkwürdigen Torso, der immerhin schöne Stadtausblicke bietet, jedenfalls vollauf zu tun.

Den Bahnsteig haben außerdem zahlreiche Kameras im Visier, zu viele, wie etliche Fahrgäste finden. Mit den Lautprechergestellen und den Leuchten geben sie dem Gelände eine gewisse Fülle. Ein rätselhafter Betonklotz steht mitten auf dem Bahnsteig, er ist zu einer Art Litfasssäule geworden. Plakate fragen: „Schwebst du, anstatt zu gehen?“, was die Leute, die nach dem Ausgang suchen, gern mit Ja beantworten wollen. Auf einem anderen Plakat verspricht der Bahn-Maulwurf, endlich Teltows Gleise aus dem „Dornrübchenschlaf“ zu holen. Den Leuten hier dürften Teltow und seine Rübchen weit weg und ziemlich egal sein. Sie wundern sich stattdessen über Schilder, auf denen Kurzzug-Anfang und Kurzzug-Ende steht, obwohl kein Kurzzug abgefertigt wird.

Es soll auswärtige Fahrgäste geben, die gut zehn Minuten brauchen, um nach dem Ausstieg aus der S-Bahn die Orientierung zu finden. Aber die Security-Leute wissen den Weg. Er führt nach Westen, am Betonklotz vorbei, mündet in einen langen Gang zwischen zwei Absperrgittern. Statt deutlich sichtbarer Ortsangaben gibt es ein Schild „Zur Aufsicht“. Dann geht der Weg 66 Stufen hinab und endet draußen vor einem stillgelegten Straßenstück, an dem gerade die letzten Reste des alten Lehrter Bahnhofs zerstückelt werden: Gelbes Gemäuer, das merkwürdigerweise wie neu wirkt. Hier sammeln sich oft Ortsfremde, um über die weiteren Wege zu diskutieren, die Richtung zum Reichstag auszuloten. Hinweise gibt es nicht, der Weg wird bis zur Moltkebrücke zu einem Baustellen-Hindernislauf werden. Manche suchen dann vergeblich nach einem Taxi, um schnell wegzukommen. Unübersehbar ist, gleich vor dem Bahnhofsausgang, das Plakat eines Lebensmittelabholmarktes. Er sei nur fünf Minuten entfernt, heißt es. Ein Tourist fragt sich angesichts der Wildnis ringsum, wo das wohl sein könne. Und auf allgemeines Kopfschütteln stößt ein weiteres Maulwurf-Plakat der Bahn, direkt am Ausgang: „Sieht ganz so aus, dass wir am 13. Oktober hier unten fertig sind“. Heute also. Das Plakat steht hier zumindest falsch.

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