Berlin : Närrische Mittagspause

Der Bundestag schunkelt nur dezent, der rheinische Frohsinn leidet im Klima preußischen Pflichtgeistes

Andrea Dernbach

„Lage? Welche Lage?“ In der Bundestagsverwaltung reagiert man erstaunt. Alles laufe ganz normal, auch an Weiberfastnacht sei der Bundestag ohne Einschränkungen arbeitsfähig. Gefeiert wird zwar auch dieses Jahr, pünktlich ab 13.11 Uhr in der Lobby des Jakob-Kaiser-Hauses. Den Schunkeltermin – „Höhepunkt ist der Empfang des Berliner Dreigestirns“ heißt es in der Presseerklärung – haben die Personalräte von Parlament und Bundespresseamt organisiert. Rabatt bei der Arbeitszeit? Das weist man weit von sich. „Wir haben Gleitzeit. Wer mitfeiert, muss sich vorher ausloggen.“

Mehrere Abgeordnetenbüros bestätigen auf Anfrage: Kein Ausnahmezustand im Parlament. Was auch an der um die tollen Tage traditionell üppig bemessenen sitzungsfreien Zeit liegen mag, einem Überbleibsel der Bonner Republik. Bis zum 23. Februar finden keine Sitzungen statt. Aber feiern? Nicht doch. Im Büro der Berliner Abgeordneten Petra Merkel arbeiten gleich mehrere Rheinländerinnen, doch die winken ab: „Karneval in Berlin ist doof“, sagt Merkels Mitarbeiterin Isabell Seidenstücker. Es passe halt nicht. Sobald man etwa die „Ständige Vertretung“ verlasse, Friedel Drautzburgs rheinische Frohsinnsfiliale am Schiffbauerdamm, sei man wieder mitten im ganz normalen Berliner Alltag.

Für andere ist der zu Karneval sogar noch ein bisschen grauer als sonst: Die Mitarbeiter der Ministerien, deren Hauptort Bonn ist, fühlen sich zur fünften Jahreszeit „wie die Dame ohne Unterleib“, sagt Michael Schroeren, Sprecher des Umweltministeriums. „Wir können in bestimmten Fällen dann nur eingeschränkt Service und Auskunft bieten, weil die zuständigen Fachabteilungen in Bonn feiern.“ Aus dem Entwicklungshilfeministerium vermeldet Sprecher Markus Weitling: „Wir haben zu Weiberfastnacht das rheinische Grundgesetz angewandt: Alle Damen nach Bonn.“ Doch das ist nur närrisch gemeint. Schroeren kennt sogar Bonner Kollegen, die selbst an diesen Tagen in die Hauptstadt kommen, wenn Berlin sie gerade braucht. Aus einem andern Haus ist zu hören, man habe gestern mehrfach in Bonn angerufen und immer sofort jemanden erreicht. Verdirbt preußische Disziplin das Bonner Narrentum?

Die feierliche Eröffnung der Faschingsfete von Parlament und Presseamt ist schon seit Jahren fest in den Händen von Berlinern. Was früher Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) erledigte, übernahm in diesem Jahr die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (PDS). Thierses Nachfolger Norbert Lammert (CDU) ist nämlich über die tollen Tage nicht in Berlin. Der Christdemokrat, als Westfale ohnehin ohne natürliche Neigung zum Narrentum, besucht in Warschau Polens regierendes Brüderpaar, Staatspräsident Lech und Premier Jaroslaw Kaczynski. Dort dürfte es wenig zu lachen geben.

Einer der wenigen Berliner Orte rheinischen Widerstands gegen den preußischen Ernst gibt es aber noch auf Parlamentsgebiet. Im Paul-Löbe-Haus warnte am Donnerstag ein Schild in der Kantine alle, die am kommenden Montag zu spät hungrig werden: „Rosenmontag ab 14 Uhr geschlossen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben