Berlin : Nagelbombe an der Wohnungstür

Sprengstoffladung explodierte in Lichterfelder Mietshaus, libanesische Familie blieb unverletzt

Jörn Hasselmann

Um 11.30 Uhr wollte Ali H. seine Wohnung im dritten Stock des Hochhauses in Lichterfelde verlassen. In diesem Moment explodierte eine mit Zimmermannsnägeln gefüllte Sprengladung im Treppenhaus – eine Falle. Der 47-jährige Libanese kam mit dem Leben davon, weil die Wohnungstür ihn vor den Splittern schützte. Er kam mit leichten Verletzungen und einem Knalltrauma in ein Krankenhaus. Seine Ehefrau und die beiden Kinder blieben unverletzt. Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes untersuchten gestern die Überreste des in einem Karton verpackten Sprengsatzes und sammelten die etwa acht bis zehn Zentimeter langen Nägel ein, die im Treppenhaus verstreut waren. Wie diese Sprengfalle mit der Wohnungstür gekoppelt war, sagte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Nach Angaben von Bewohnern der Celsiusstraße 54 hatte die Detonation die Lautstärke einer Gasexplosion. Mordkommission und der für Sprengstoffdelikte zuständige Staatsschutz der Polizei übernahmen die Ermittlungen. Klar ist, dass niemand bei der Familie H. geklingelt hatte – es hätte also auch die Kinder oder die Frau treffen können. Der Mann ist bis auf kleinere Delikte polizeilich unbekannt – Hinweise auf Verbindungen zur organisierten Kriminalität gibt es bislang nicht, ebenso nicht auf politische Verstrickungen des Libanesen.

Nach Angaben von Nachbarn lebt die Familie H. seit vielen Jahren in dem Haus in der Thermometersiedlung, eine ältere Tochter sei schon ausgezogen. Bei Feiern seien regelmäßig sehr viele Personen in der Wohnung gewesen, hieß es – wegen Ruhestörung war beim letzten Silvesterfest die Polizei gerufen worden. Die Familie sei streng gläubig gewesen, die Frau habe immer Kopftuch getragen. Kontakt habe man zu der Familie nicht gehabt, hieß es im Hochhaus.

Doch galt der Anschlag überhaupt der Familie H.? Die Polizei ermittelt jedenfalls noch in eine andere Richtung. Ein Stockwerk höher steht nämlich der Name Ch. am Klingelschild – die mehrere Dutzend Angehörige umfassende libanesische Großfamilie ist seit Jahren als hochgradig kriminell bekannt. So hatte im März 2000 Mohamed Ch. nach einem vorangegangenen Streit in Moabit einen 23-Jährigen aus dem verfeindeten Clan M. getötet. Danach gab es drei weitere Schusswechsel zwischen den beiden Clans. Zuletzt war im Herbst 2004 der zum Clan Ch. zählende Bassam A. in Charlottenburg getötet worden.

Anschläge mit Sprengfallen sind selten. Im November 2002 entging die damals 33-jährige Yana Zhukova nur knapp einem Handgranatenattentat, der Zünder war mit Bindfaden mit der Tür ihres Mercedes verbunden. Derartige Sprengfallen gelten im Bereich der organisierten Kriminalität als „letzte Warnung“. So war es auch bei Yana Zhukova: Wochen später war sie tot – mit mehreren Kopfschüssen hingerichtet. In einem weiteren Fall hatte 2003 ein Rentner auf den Arzt seiner an Krebs gestorbenen Ehefrau fünf Sprengstoffanschläge aus dem Hinterhalt verübt; der Mediziner Ruben H. wurde schwer verletzt.

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