Berlin : Nah am Wasser gebaut

Nach dem Ärger um ihre Anlegestelle am Paul-Löbe-Haus müssen Reeder nun zum Humboldthafen

Annette Kögel

„Viktoria“ und „Adele“, „Captain Morgan“ und „Königin Wilhelmina“ : Ein Ausflugsschiff nach dem anderen gleitet am ARD-Hauptstadtstudio vorbei durch das Regierungsviertel über die Spree. An Bord klicken Fotoapparate, und die Frühlingsluft trägt die Durchsagen der Stadtführer hinüber ans Ufer. Viele Passagiere würden jetzt gern einen Landgang starten, sich Kanzleramt und Bundestag aus nächster Nähe anschauen. Allein – sie müssen an Bord bleiben. Der Ausflugsschifffahrt wird das Anlegen nahe dem Reichstag wohl verwehrt bleiben. „Anlegen verboten“ steht da schließlich mit dicken roten Buchstaben auf dem Schild an riesigen grünen Pfählen im Wasser.

Dabei war die Infotafel des Berliner Reederverbands eigentlich ganz anders gedacht. Mit dem Schild wollte der Zusammenschluss zwanzig kleinerer Schifffahrtsunternehmen der Konkurrenz das Festmachen untersagen. Schließlich haben die Reeder 30 000 Euro für die Anlegestelle am begehrten Ort zusammengelegt. Doch nun werden sie wohl niemals die Leinen an ihre eigenen fünf Pfähle knoten können. Und das, weil man sich offenbar beim Messen vertan hat.

Die Vorgeschichte reicht bis ins Jahr 2001 zurück. Damals gab es die ersten offiziellen Kontakte zwischen dem Reederverband und Bundestag, Wasser- und Schifffahrtsamt, Landes- und Bundestagspolizei, BKA und LKA. Alle prüften, alle besichtigten, alle verhandelten – und zuletzt hieß es: Man möge dem Reederverband genehmigen, am Ufer zwischen Paul-Löbe-Haus und Bundestagskita eine Steganlage zu bauen. Mit einer Sicherheitsauflage: Zwischen Schiff und Bundestagsgebäude muss ein Mindestabstand von 50 Metern liegen. Das habe man den Reedern in allen Gesprächen und Schriftwechseln immer wieder deutlich gemacht, heißt es bei der Pressestelle des Bundestages. Und nun ergab das Probemessen: Es sind nur 38 Meter. Die Reeder hingegen kommen sehr wohl auf 50 Meter, denn sie messen vom Einstieg in der Schiffsmitte, nicht aber von Bug oder Heck. Reederverbands-Vertreter Dieter Hadynski ärgert sich. Man habe ein Probeliegen veranstaltet und viel Geld investiert. Und außerdem: „Genau an der Stelle wurde der Bundespressestrand tausenden Besuchern genehmigt, und wir dürfen nicht mit unseren Dampfern ran.“

„In allen Jahren war immer von Bug- oder Heckspitze die Rede“, sagt hingegen Bernhard Schodrowski von der Berliner Polizei. Sicherheitsexperten von BKA und LKA fürchten, dass Dampfer ein Sicherheitsrisiko sein könnten, weil mit ihnen beispielsweise größere Mengen Sprengstoff in die Nähe der Regierungsbauten gebracht werden könnten. Das sei Spaziergängern und Biergartengästen nicht möglich. Schodrowski: „Eine Anlegestelle ist eine Gefahrenquelle, die sich minimieren lässt.“

Die Wellen schlagen hoch – nun liegt der Vorgang beim Ältestenrat des Bundestags. Die Reeder prüfen jetzt, ob man die Pfähle nicht doch versetzen kann, ohne dass die Schiffe zu sehr in die Spreekurve hineinragen oder gegen die Brücke stoßen. Vielleicht setzen sie kleinere Schiffe ein – doch dann würden Reedereien mit großen Pötten ausgeschlossen. Oder wird doch mit der Konkurrenz verhandelt, die Stege an der Museumsinsel und dem Kanzleramt besitzt? Vielleicht hilft ja auch der persönliche Draht. Viele Abgeordnete zeigen Freunden aus Politik und Privatleben die Hauptstadt vom Schiff aus. Dieter Hadynski hatte die Grünen-Fraktion schon öfter an Bord. Jetzt meldete sich schon der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke zu Wort. „Jeden Tag fahren dutzende Schiffe mit nur 20 Meter Abstand vorbei. Die Entscheidung ist unsinnig und behindert den Tourismus.“

Wenn all das nun doch nichts hilft, gibt es für die Skipper noch einen Trost. Hadynski: „Wir haben die Genehmigung für den Humboldthafen in der Tasche.“ Das ist gleich um die Ecke, vorm Hamburger Bahnhof. Wegen der Bauarbeiten könnten dort aber frühestens in zwei Jahren Passagiere einsteigen. So hofft der Reeder weiter, dass die fünf Pfähle nun doch stehen bleiben können – und er nicht an das Projekt zurückdenken muss mit jenem Gefühl, das einem seiner Schiffe den Namen gab: „Nostalgie“.

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