Berlin : Nahe Fremde

Sven Goldmann

Stellen Sie sich vor: Es ist Wahl, und Angela Merkel gibt früh ihre Stimme ab. Ihr Wahllokal ist eine Neuköllner Eckkneipe, ein paar Schnapsleichen stehen noch am Tresen. Frau Merkel hat es eilig, sie muss weiter zum Reichstag. Dort nicht etwa in die Räume der CDU-Fraktion, sondern hinab in die Betonwüste des unvollendeten U-Bahnhofs, zur letzten Vorstellung von „Angela – eine Nationaloper“. Zwanzig Mal hat Kathrin Unger mit ihrer Sopranstimme die Angela Merkel gegeben, das letzte Mal am 22. September 2002, am Abend der Bundestagswahl (die Edmund Stoiber für die Union verlor).

Angela Merkel hat sich das Stück nie angesehen, es war trotzdem ein großer Erfolg für Kathrin Unger und das Ensemble Neuköllner Oper. Die Ähnlichkeit der Darstellerin zur Dargestellten beschränkt sich auf den roten Ton im Haar. Die Kanzlerin wohnt in Mitte und kommt nur zu Wahlveranstaltungen nach Neukölln. Kathrin Unger lebt seit ihrer Geburt vor 39 Jahren im Kiez am Jahnplatz. Zwischenzeitlich war sie mal in Hamburg, „auch ganz schön, aber nicht so spannend wie Neukölln“. Die Wohnung in einem Hinterhof an der Fontanestraße ist groß, ruhig und billig, in Steglitz oder Zehlendorf müsste sie das Dreifache zahlen.

Hat Neukölln sich verändert? „Sehr. Gehen Sie doch mal die Karl-Marx-Straße runter, da gab es früher wunderschöne Läden, beinahe Luxusgeschäfte. Und jetzt?“ Internet-Cafés, Im- und Export, ein paar Einkaufszentren. Auch das Verhältnis zu den türkischen und arabischen Nachbarn sei anders geworden. „Als Schulkind hatte ich türkische Freundinnen, die sprachen gut Deutsch und ihre Eltern auch. Heute bleiben die Leute unter sich, sie haben ihre eigene Welt mit Läden, Friseuren oder Anwälten. Seitdem leben die Kulturen nebeneinander her.“

Wenn sie mit Kollegen über ihren Bezirk spricht, reagieren die schon mal irritiert. „Was, du wohnst in Neukölln?“ Manchmal geht Kathrin Unger mit den Kollegen spazieren, durch den Britzer Garten und das Böhmische Dorf, abends noch zum Essen in die Götterspeise, das Café der Neuköllner Oper an der Karl-Marx-Straße. „Ist ja doch ganz schön“, sagen die Kollegen dann.

Und die Kriminalität? Vor einem halben Jahr wurde vor Kathrin Ungers Haustür ein Polizist auf offener Straße ermordet. Sie hatte eine Probe früher als geplant beendet, „sonst wäre ich genau in die Schießerei geplatzt“. Und doch habe sie seit ein, zwei Jahren den Eindruck, dass die Entwicklung wieder in eine andere Richtung gehe: „Viele junge Leute ziehen nach Neukölln. Der Kiez bekommt wieder ein besseres Image.“ Ihr sei ohnehin noch nie etwas Unangenehmes widerfahren, „wenn ich abends nach Hause gehe, fühle mich sicher, hier steht doch an jeder Ecke eine Kneipe, ich habe keine Angst.“Und das mit dem Wahllokal hat sich auch zum Besseren gewendet. Bei der letzten Bundestagswahl hat sie ihre Stimme im Gebäude ihrer ehemaligen Grundschule abgegeben. Es war die Wahl, die Angela Merkel zur Kanzlerin machte.

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