Nahverkehr : S-Bahner streikten - Fahrgäste blieben gelassen

Viele Berliner stiegen auf die BVG oder das Auto um. Der starke Verkehr verursachte große Staus.

Klaus Kurpjuweit
Fahrgäste
Entspanntes Warten: Fahrgast vor dem Hauptbahnhof. -Foto: Peters

Ohne die S-Bahn läuft nicht viel in Berlin. Der vierstündige Streik bei der Bahn AG gestern früh brachte die BVG an den Rand ihrer Kapazitäten, und auf den Straßen standen Autofahrer bis zu einer Stunde im Stau. Viele, die sonst per Schiene ihr Ziel erreichen, hatten sich ans Steuer gesetzt. Heute soll es keine Aktionen im Berliner Raum geben. Danach sind weitere Streikaktionen aber nicht ausgeschlossen. Wie bisher wollen die Gewerkschaften dies dann aber mindestens einen Tag vorher mitteilen.

Gestern hatten sich die meisten Bahnfahrer auf den angekündigten Streik eingestellt. Sie stiegen auf Bahnen und Busse der BVG um oder fuhren mit dem Auto. Entsprechend verstopft waren die Straßen. So viele Staus habe er seit fünf Jahren nicht mehr aus der Luft gesehen, sagte der Verkehrspilot Frank Hellberg.

Besonders voll waren vor allem die Stadtautobahnen A 111 aus Richtung Hamburg und die A 113, die am Teltowkanal entlangführt und in den Stadtring A 100 mündet. An der Umleitungsstrecke der A 111 am wegen Bauarbeiten gesperrten Flughafentunnel Tegel standen Autofahrer nach Hellbergs Angaben bis zu einer Stunde im Stau. An der A 100 musste die Polizei die Anschlussstellen Buschkrugallee und Britzer Damm zeitweise sperren, weil der Verkehr so dicht war. Für Strecken, die sonst in zehn Minuten zu schaffen seien, habe man bis zu 45 Minuten benötigt. Selbst auf Schleichwegen, wo Ortskundige sonst freie Fahrt haben, waren gestern mehr Autos unterwegs.

Bei der BVG setzte der große Ansturm gegen 7 Uhr ein, obwohl der Streik bei der Bahn bereits um 5 Uhr begonnen hatte. Einige U-Bahn-Linien seien zu 100 Prozent ausgelastet gewesen, teilte BVG-Sprecherin Petra Reetz mit. Im Klartext heißt dies: Die Züge waren rappelvoll. Auf mehreren Bahnhöfen, vor allem am Alexanderplatz, mussten Fahrgäste zeitweise auf dem Bahnsteig zurückbleiben, weil es in den Wagen keinen Platz mehr gab.

Die BVG konnte bei der U-Bahn nur wenige zusätzliche Fahrzeuge einsetzen, weil sie unter Wagenmangel leidet. Ihr fehlen, wie berichtet, Räder und Achsen zum Austausch verschlissener Teile, weil China den Stahlmarkt so gut wie leer gekauft hat. Außerdem hat sie 80 neue Wagen bisher nicht vom Hersteller Bombardier abgenommen, weil sie technische Mängel haben.

Verschärft worden war das Problem gestern, weil in der Nacht zuvor drei Züge beschädigt wurden und aus dem Verkehr genommen werden mussten. Eine Rettungslore an der Tunnelwand war nicht richtig befestigt und ramponierte so die Stromabnehmer vorbeifahrende Züge.

Gegen 7.30 Uhr nahm dann mit dem Schülerverkehr auch der Andrang in den Bussen spürbar zu. Hier gab es nach Angaben von Reetz Verspätungen bis zu zehn Minuten. Die Busse standen gemeinsam mit den Autos im Stau; außerdem mussten die Fahrer viel mehr Auskünfte geben als sonst. Mehr Fahrgäste als sonst gab es auch bei der Straßenbahn.

Keine Probleme meldeten die Taxirufzentralen. Es habe zwar mehr Aufträge gegeben, doch alle seien ohne große Wartezeiten erledigt worden. Auch auf den Flughäfen spürte man kaum etwas von einer größeren Nachfrage.

Ziemlich leer waren dagegen die wenigen Züge, die trotz des Streiks fahren konnten. Zum Teil hatte die Bahn hier Mitarbeiter aus den Führungsebenen eingesetzt, die berechtigt sind, einen Zug zu fahren. So konnten einige ICE- und Regionalzüge auf die Strecke geschickt werden. Auch der S-Bahn gelang es auf diese Weise, auf einigen Abschnitten im Netz Züge fahren zu lassen – unter anderem im Nord-Süd-Tunnel, auf Teilen des Rings sowie auf Außenstrecken.

Insgesamt fielen nach Angaben von Bahnsprecher Burkhard Ahlert aber mehr als 200 Fern- und Regionalzüge sowie rund 500 S-Bahnen aus. Richtung Falkensee und Rathenow ließ die Bahn vom Ostbahnhof und vom Bahnhof Zoo Ersatzbusse fahren. Obwohl seit Montag bekannt war, dass die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bundesweit den Bahnverkehr lahmlegen wollte, hieß es gestern auf eiligst gedruckten Plakaten der Bahn: „Da Warnstreiks nicht angekündigt werden, kann sich die Deutsche Bahn nur begrenzt darauf vorbereiten.“ Immerhin verstärkte sie auf den Fernbahnhöfen das Auskunftspersonal und schenkte gratis Kaffee oder ein Erfrischungsgetränk aus.

Nach Streikende dauerte es noch Stunden, bis der Betrieb wieder einigermaßen reibungslos lief. Weil sich die Gewerkschaften der Bahnbeschäftigten auch untereinander nicht einig sind, fielen am Mittag erneut Züge aus; im Berliner Raum begrenzt auf die Strecke nach Cottbus. In der Lausitz hatte die Gewerkschaft Transnet zum Streik, unter anderem in einem Stellwerk, aufgerufen.

  

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben