Berlin : Naila Chaudhry (Geb. 1966)

Fremd in dieser Welt. So hat sie sich wohl gefühlt

Erik Steffen

Die klagenden Töne eines Muschelhorns eröffnen die Kreuzberger Trauerfeier für Naila in einem Hinterhof. Hier hat sie mehr als ein Jahrzehnt gelebt, geliebt, gekämpft und zuletzt fast nur noch gelitten. Ihr großer Freundeskreis ist erschienen, viele Künstler, Musiker, Protagonisten der Berliner Subkultur, in der Naila ein glühender Fixstern war. Und auch die Heiler und Yoga-Schüler, die Esoteriker, ihre anderen Freunde. Zwei Welten. Und Naila entstammte einer noch ganz anderen.

Die meisten Musiker, die jetzt spielen, „Low Sweet Chariot“, „Goldfish“, „Das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester“ haben schon zu Lebzeiten Nailas auf einem Benefizkonzert für sie gespielt. Es erklingen die bizarren Nasenflötenversionen von „Bohemian Rhapsody“ und „Dreams Are My Reality“. Naila liebte diese Songs, auch wenn sie selbst als Sängerin, Bassistin und Schlagzeugerin ganz andere, viel härtere Wege ging.

Eine Brandmauer voll mit Fotos, ein Sari und ein typischer Naila-Spruch, „Wenn du weiter so viel Schokolade isst, wirst du so braun wie ich!“, sind Spuren ihres Lebens. Zwischen Anfang und Ende lagen Welten an Erfahrungen, viele Anfänge, viele Abbrüche.

Geboren wird sie im Jahr des Feuerpferdes, das vielen Mädchen in China kurz nach der Geburt den Tod bringt: Sie gelten als rebellisch, schwer zu verheiraten und als Belastung für Familie und Partner. Sie aber kommt in London zur Welt, mit pakistanischer Herkunft. Ihre Eltern gehören zu einer über die Welt verstreuten, muslimisch geprägten Großfamilie, die Mutter kommt aus Afrika. Eine arrangierte Hochzeit hat die Eltern, Studenten noch, zusammengebracht. Doch sie teilen viel: Sie werden Lehrer, sind liberal, sie wollen sich behaupten in der neuen Gesellschaft. Doch als Naila kommt, befinden sich die Eltern ganz am Anfang. Sie schicken das Kleinkind allein mit dem Flugzeug nach Pakistan zu den Großeltern. Als sie einige Jahre später zurückkehrt, hat sie eine Schwester und Eltern, die ihren Platz gefunden haben. Einen Platz, den sie nicht kennt.

Diese Verstörung wird sie lebenslang begleiten, ihr Anagramm ähnelt dem „Alien“. Fremd in dieser Welt. So hat sie sich wohl gefühlt. Auch wenn sie Cello, Klavier und Gesang lernt, behütet und beschützt aufwächst. Nach der Schule verlässt sie ihr Elternhaus. Sie geht mit 17 nach Israel in einen Kibbuz. Ein Befreiungsschlag. Sie lernt dort Axel kennen, eine große Liebe. Wie alle ihre Partner große Lieben sind, auch wenn sie in den Augen von Nailas Freundinnen immer demselben schwierigen Muster entsprechen: gut aussehend, selbstbezogen, nicht familientauglich. Sie geht mit Axel nach Deutschland und arbeitet in einer Kneipe am Bodensee. Sie lernt schnell die Sprache, aber das Leben ist hier nicht wild genug.

In West-Berlin soll es anders sein. Noch vor dem Mauerfall kommt das Paar nach Kreuzberg. Naila findet schnell Freunde, die begeistert sind von ihrer Wärme, ihrem Lachen und ihrer Schönheit. Das Leben in Berlin ist nicht teuer, Kneipenjobs bringen genug ein, um auch noch zu reisen. Kurz nach dem Fall der Mauer steigt Naila als „Mädchen für alles“ beim Independent-Plattenlabel „Vielklang“ ein, eine aufregende Zeit. Sie organisiert Plattenaufnahmen und Konzerte, lernt Musiker kennen. Ein Schlagzeuger wird ihr neuer Freund, gemeinsam spielen sie bei den „Golden Showers“, die durch ihre exzessive, provokante Bühnenshow bekannt sind. Mit dem arabischen Sänger verbindet sie eine Seelenverwandtschaft: Beide haben ihre muslimische Religion und Kultur weit hinter sich gelassen. Nailas Band- und Plattenprojekte tragen Namen wie „Boat People Hate Fuck“ oder „Fuck Bollywood“. Die Lust an der Provokation. Oft steht der Aufwand in einem Missverhältnis zum Ertrag, aber das stört keinen: lustvoll, aber prekär. Naila hat lange Zeit nicht mal eine Krankenversicherung.

Für die „Dead Chickens“, eine Performance-Gruppe, die Schrott zu meterhohen, beweglichen Monsterskulpturen veredelt, näht sie Kostüme und begleitet sie auf Gastspielreisen. Als sie 1995 im wilden Osten das „Haus Schwarzenberg“ neben den Hackeschen Höfen aufbauen, ist sie dabei. Sie betreibt das Hausrestaurant. Begeistert liest sie sich durch Kochbücher, die sie „Kitchen Pornos“ nennt, und dann kocht sie „Spätzle Bombay“. Die Gäste sind oft Freunde und Bekannte, die ebenso wenig Geld haben wie Naila. Zwei Jahre währt die Sache, dann geht die Suche weiter.

Naila lernt Pascal kennen. Er hat mit seiner Musik Erfolg gehabt, ist wie sie schon zehn Jahre in der Stadt, hat die Umbrüche und Aufbrüche im Osten miterlebt und sieht nun Stagnation. Beide sind berlinmüde, sehnen sich nach Sonne, Meer und guter Luft. Pascal hat ein Händchen fürs Geldverdienen, ob mit Börsenspekulationen oder Kunsthandwerk. Im Sommer an der Nordseeküste ein Test: Selbst gefertigter Schmuck lässt sich hervorragend verkaufen. Im Winter fliegen sie nach Lanzarote und mieten ein hübsches Häuschen, Naila entwickelt eine Glasmaltechnik, verschönt Flaschen, Gläser und Glühbirnen, die sie verkauft. Eine ruhige, gelassene Zeit, die beiden gut tut. Ein Jahr lang, dann muss es weitergehen.

In den USA diesmal. Aber heimisch werden sie weder in San Francisco noch in New York. Immerhin kann Naila ihre Freunde von den „Golden Showers“ wiedertreffen, die hier Auftritte haben.

Kurz vor der Jahrtausendwende sind sie zurück in Kreuzberg. Natürlich macht Naila wieder Musik, aber das ist nicht mehr alles im Leben. Sie sucht nach Möglichkeiten, ihr Leben und das anderer in Einklang und Harmonie zu bringen, Yoga, Aromatherapie, Shiatsu, Naturheilverfahren, Esoterik. In ihrer Wohnküche sorgt sie sich rührend um ihre Katzen und die Befindlichkeiten ihrer Mitmenschen. Blüht auf, wenn sie helfen kann. Viele finden in Krisen liebevollen Zuspruch bei ihr: „Weißt du was, zur Not wird es mal ’ne schöne Geschichte, die du im Altersheim erzählen kannst!“

Ihr Herz ist riesengroß, ihre eigene Befindlichkeit steht zurück. Für Freundinnen mit Kind ist sie die Super-Nanny – aber wie gern wäre sie selbst Mutter! Sie will eine Familie und raus aus der Stadt, aber mit Pascal wird das nichts. Sie will hundert Jahre werden und wird es nicht.

Immerhin, es gibt „Goldfish“, ihr vielleicht wichtigstes Bandprojekt, melodiös und melancholisch. Sie wird von den hochkarätigen Mitstreitern bewundernd „Multivitamin“ genannt, spielt die zweite Gitarre, auch Bass und Percussions. Es könnte alles passen: die Chemie, die Musik. Aber sie verabschiedet sich nach eineinhalb Jahren, weil sie sich auf ihre Kreuzberger Yoga-Schule konzentrieren will.

2006: Beim ersten Konzert ihrer neuen Band „Highfolks“ versagt ihre wundervolle Stimme. Sie hat kurz zuvor ihre Krebsdiagnose bekommen. Vor der Brust-Operation kommt ihre Mutter aus London nach Berlin: „I’ll stay as long as my daughter needs me!“ Auch wenn ihre Tochter weder verheiratet ist noch Kinder hat, und in einer so anderen Welt lebt.

Naila ist misstrauisch gegenüber der Schulmedizin, der sie einen Teil ihres Körpers geopfert hat; die Chemotherapie lehnt sie ab. Mit besonderer Ernährung und Naturheilverfahren kämpft sie gegen den unsichtbaren Feind, sucht Rat bei einem Heiler in Indien. Der schickt sie zurück nach Deutschland, ins Krankenhaus. Der Krebs ist jetzt überall, in der Leber, den Knochen und im Gehirn. Musik machen, Yoga-Schule und Kneipenschichten sind kaum noch möglich. Sie geht am Stock, buchstäblich, gezeichnet vom Schmerz.

Pascal, selbst schwer erkrankt, und sie haben sich längst in Freundschaft getrennt, und sie verliert nun auch das, was sie für viele so anziehend gemacht hat: ihre Schönheit. Cortison schwemmt sie auf, sie steht fassungslos vorm Spiegel. Der Freundeskreis engagiert sich, sie überspielt oft ihre Verfassung. Den professionellen Pflegedienst lehnt sie ab: „Ich bin doch keine alte Frau.“

Auch die Familie ist besorgt. Sie wollen die Tochter nach London holen. Krankheit und Pflege ist keine Sache für Fremde. Im Rollstuhl fliegt sie nach London, im Rollstuhl kommt sie zurück nach Berlin. Ernüchtert und erleichtert. Vielleicht wird es hier wieder besser. Naila schwankt und kämpft.

Über viele Wochen ist ihre Schwester zu Besuch in Berlin, dann auch ihre Mutter. Sie wollen sie vor der Kopf-Operation unterstützen. Danach nehmen sie sie wieder mit nach London.

Nach wenigen Tagen stirbt Naila. Sie wird muslimisch beerdigt.

Die Freunde in Berlin sind schockiert. Aber trauern tun alle, die sie kannten. Jeder auf seine Art. Erik Steffen

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