Berlin : Narren in der Hauptstadt: Stimmen zum Umzug

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"Mainz ist besser"

Kaum ist der Festzug mit den Festwagen, Garden und Funkenmariechen vorübergezogen, macht sich auch der junge Mann wieder auf den Weg nach Hause. "War ja ganz schön hier, aber nicht so toll, wie ich es mir vorgestellt habe." Samuel Mavengo ist 18 Jahre alt und hat lange Zeit in Mainz gelebt. Berlin, wie es singt und lacht? Der junge Schwarze winkt ab. Nein, irgendwie passt das hier nicht zusammen. Die Eltern des jungen Mannes stammen aus Angola. Er hat sich beim ersten Karnevalsumzug seit 43 Jahren durch die Ost-City als Cousin seiner beiden kleinen Verwandten angenommen. Marie ist acht Jahre alt, Eric gerade fünf. Ja, in der Heimat ihrer Großeltern gibt es auch machmal Dorffeste, bei denen sich die Menschen verkleiden. In die Haut eines anderen schlüpfen - das haben die beiden Kleinen noch vor sich. Als was gehst du am Rosenmontag, Marie? "Als Hexe." Und du, Eric? "Als Fisch. Nee, als Wassergeist."

"Total aggressiv"

"Hier ist nicht viel von lockerer Stimmung zu verspüren, die Berliner sind total aggressiv." Anna Küpper, 18 Jahre jung ist mit ihrer Freundin Marie zum Premieren-Umzug nach Mitte gekommen. Und nun wird da am Rande geschubst, drängeln TV-Journalisten ihre Kollegen mit Kameras um den Hals beiseite. Dumm zudem, wenn man wie Anna die Stimmung aus den Karnevalshochburgen Deutschlands kennt. "Total enttäuschend ist das hier." Die Kneipen in Berlin seien zwar klasse, und auch ansonsten hat sich Anna aus Bonn gut in Berlin eingelebt. Aber Karneval feiern, das können die Berliner nicht. Fast vier Jahre wohnt die Jugendliche jetzt mit ihrer Mutter hier. Aber ob sie nächstes Jahr beim Berliner Karnevalsumzug wieder dabei ist, weiß sie noch nicht. "Karneval passt nicht nach Berlin. Oder die Berliner nicht zum Karneval." Die Bonbons, die die Freundinnen in einem Pappkarton gesammelt haben, verschenken sie gleich an Kinder weiter.

"Närrisch"

Wolfram Herdt aus Eberstadt an der Bergstraße hätte einen karnevalistischen Orden für den mühsamsten Anfahrtsweg verdient. "Ich bin früh morgens um sechs Uhr losgefahren und habe sechs Stunden über die Autobahn bis nach Berlin gebraucht." Mit im Gepäck hatte der 35-jährige gelernte Koch und derzeitige Student der Ernährungswissenschaften "das erste Narrenschiff, das jemals auf einem Karneval mitgefahren ist". Das Kanu hat er vom Dachgepäckträger gehievt und dann auf ein Skateboard geschnallt, das Segel wurde aus einem Bettlaken gebastelt: Fertig ist "Dr. Matjes LUV Parade: närrisch!" Da kein Schiff ohne Crew bleibt, hat Herdt Maskottchen und Spielzeug-Schildkröte vorn ins Schiff gesetzt. Und aus den schwarzen, aus Pappkartons gebastelten Boxen dröhnen imaginäre "111 Helaus per minute". So flammend ist die Leidenschaft des Hobby-Narren für den Karneval, dass er noch am Abend sechs Stunden zurück in die Heimat fahren wollte.

"Super! Bombig!"

Wie die Stimmung ist? "Super! Bombig!" Jedenfalls bei Rita und Gerd Willms aus Bonn. Die beiden kennen Karneval aus dem Rheinland - und "jetzt ist es an der Zeit, dass die Berliner das von uns lernen." Die CDU-Fraktionsmitarbeiterin fand es zwar in der alten Heimat "auf der Straße voller, aber hier Unter den Linden findet wenigstens die Vereinigung von Bonnern und Berlinern statt." Den schaulustigen Berlinern in der Menge neben ihnen haben die Ex-Bonner einen Schluck aus ihrer Sektpulle eingegossen. Als Wiedergutmachung gab es einen Schluck Glühwein. "Nächstes Jahr will ich selbst auf einem der Wagen mitfahren!", gelobt die 48-Jährige und greift sich eine Flasche Bier von einem Wagen aus der Menge. "Berlin bingo!" Einen Kater kann sich die Neu-Berlinerin aber nicht leisten: "Rosenmontag feiern wir im Kollegenkreis weiter." Was die Ex-Bonnerin in der neuen Hauptstadt bis auf die Karnevalisten-Massen vermisst? "Nichts."

"Langweilig"

"Schauen Sie sich doch die Gesichter auf den Wagen an, die sehen ja aus, als ob sie auf einer Beerdigung sind." Dabei hat Sabine George, 35-jährige Hausfrau aus Lichtenrade, sich für den Jahrhundertkarneval ganz schön ins Zeug gelegt. Mickey-Maus-Verkleidung improvisiert, warme Klamotten übergezogen, Kamera in die Jackentasche gepackt. "Aber hier passiert nicht viel, das kommt irgendwie zu langweilig rüber." Sind die Füße noch warm? Jetzt nicht mehr. Auch der "kleine Kumpel" Kevin, neun Jahre jung, tritt in der Menge von einem kalten Fuß auf den anderen. Er hat sich als Batman ausstaffiert, zur Faschingsfeier in der Schule will er sich die Verkleidung erneut überziehen. Was er hier vermisst? "Sonne fehlt. Und Techno-Musik." Der Abschlusskommentar seiner erwachsenen Begleiterin fällt indes niederschmetternd aus. "Wenn hier nur halb so viel los wäre wie auf dem Karneval in der Lichtenrader Bahnhofstraße, wäre ich ja schon zufrieden."

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