Berlin : "Nasse Füße": In der Stadt ist das Grundwasser schon bis in die Keller gestiegen

Hans Toeppen

Fast ist es eine nasse Revolution, die der Berliner Untergrund seit der Wende durchgemacht hat. Flächendeckend steht das Grundwasser in der Stadt einen halben Meter höher als früher. An manchen Stellen ist es sogar bis zu zwei Meter gestiegen. Viele Keller haben inzwischen nasse Füße: Alles eine Folge der Tatsache, dass die Berliner immer weniger Trinkwasser verbrauchen. Mittlerweile verhandeln der Senat und die Wasserbetriebe bereits über ein Relikt aus alten West-Berliner Zeiten: Die künstliche Anreicherung des Grundwassers aus den Reserven von Havel und Spree soll beschränkt oder eingestellt werden.

Die Anreicherung stammt aus den 70er Jahre, als man sich in West-Berlin auf verschiedenen Gebieten von Austrocknung bedroht sah. Das ist nun ganz anders gekommen. In den letzten Jahren hat sich die Umweltverwaltung immer wieder mit den Klagen von Einfamilienhaus-Besitzer in Rudow oder Kaulsdorf herumschlagen müssen, denen die Keller vollgelaufen sind.

Der Berliner Wasserverbrauch ist seit der Wende um rund ein Drittel gesunken: von etwa 330 Millionen Kubikmeter im Jahr auf nur noch 220 Millionen. Die stark ausgedünnte Industrie verbraucht weniger. Auch die Bewohner lassen weniger von dem teuer gewordenen Stoff durch die Hähne laufen, und immer weniger wird abgepumpt. Für die Ökologie ist das segensreich. Die Wasserstände der Seen gelten in der Umweltverwaltung inzwischen wieder als normal.

Die Wasserbetriebe lassen jetzt also mehr Pumpwerke laufen, als sie brauchen. In Johannisthal und Jungfernheide will man deshalb schließen. Das setzt in Jungfernheide allerdings voraus, dass auch die künstliche Grundwasser-Anreicherung mindestens an dieser Stelle dichtmacht. Das Wasser wird nämlich ohnehin weiter nach oben kommen, wenn die Pumpen schweigen.

In Tegel, Jungfernheide, Spandau, Beelitzhof und Stolpe haben die Wasserbetriebe zuletzt knapp 50 Millionen Kubikmeter Seewasser versickern lassen. Was künftig daraus werden soll, ist dem Senat noch nicht klar, wie er vor kurzem auf eine parlamentarische Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Rzepka mitgeteilt hat. Zunächst soll geklärt werden, was bei einem Stopp mit den Grundwasserständen, mit der Vegetation und vielleicht auch mit giftigen Altlasten im Boden geschehen könnte.

Alle Genehmigungen zur Grundwasseranreicherung sollten in den nächsten Jahren aber auf den Prüfstand, sagt der Abteilungsleiter in der Umweltverwaltung Wolfgang Bergfelder. Dabei spielt auch der Gedanke eine Rolle, dass das Wasser aus den Seen nicht unproblematisch ist. Es enthält nämlich Klärwerkswasser. Und dieses Wasser enthält Arzneimittelrückstände. Niemand will sie auf einem solchen Umweg etwa ins Grundwasser bringen.

Weder der Senat noch die Wasserbetriebe haben bisher allerdings eine Lösung für ein verstecktes finanzielles Problem. Jeder, der in Berlin Grundwasser fördert (Wasser nach oben), muss 60 Pfennig pro Kubikmeter an die Landeskasse zahlen. Die Wasserbetriebe dürfen ihre Anreicherung (Wasser nach unten) aber gegenrechnen. Deshalb zahlen sie nur gut 50 Pfennig. Wenn sie die Versickerung drosselten, müssten sie für jeden Kubikmeter ihres Trinkwassers fast zehn Pfennig mehr an den Finanzsenator abführen. Wer trägt diese Kosten, lautet die Frage.

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