Berlin : Natürliches Verlangen

Heiße Blicke zwischen Gemüsekisten: In Berlins Bio-Märkten wird heftig geflirtet. Auch Kassierer bekommen Nummern zugesteckt

Partnersuche kann der Gesundheit schaden: In der Kneipe atmet man Tabakqualm ein, im Club dröhnen einem zusätzlich die Ohren. Und abends an der Strandbar holt man sich eine Erkältung, zumindest diesen Sommer. Doch es gibt eine Ausnahme: In Berlins Bio-Märkten suchen viele Kunden nicht nur nach gesunden Nahrungsmitteln, sondern auch nach der großen Liebe.

Ein begehrter Ort für den Flirt zwischen Regalreihen und Gemüsekisten ist der LPG Biomarkt Kollwitzstraße. Die Zielgruppe des Ladens sind Kunden im Alter zwischen 22 und 32 Jahren, darunter viele Neuberliner und Singles. „Die Menschen, die hierher kommen, sind nicht so schwerfällig, sie gehen schneller auf einen zu“, sagt Kassierer Andreas Barfigo. Eine Kundin habe nach Feierabend vor der Tür auf ihn gewartet, erzählt der 31-Jährige. Warum das Personal fast so begehrt ist wie die Produkte, darüber hat Barfigos Kollege Guido Taeger eine Theorie. „Wir essen auch Bio, außerdem sind wir oft da und können nicht weglaufen“, sagt er. Der braunhaarige 29-Jährige rühmt sich einer starken Wirkung auf die weibliche Kundschaft. „Ich werde extrem viel von Frauen angeflirtet“, erzählt er grinsend. Eine habe Papier von einer Gemüsekiste abgerissen und ihre Telefonnummer darauf geschrieben. „Dann hat sie es mir gegeben mit den Worten: Du hast was verloren“, sagt Taeger. Neben den Kundinnen ergreifen offenbar auch viele homosexuelle Männer die Flirt-Initiative. Anders als das Internet bietet der Bio-Markt eine gute Gelegenheit, sein Gegenüber sofort in Augenschein zu nehmen. „Die Frauen sind niveauvoller“, glaubt Taeger. Wer sich mit Bio befasse, habe was im Kopf. Eine feste Beziehung will Taeger auf diesem Weg aber nicht finden: „Nachher klappt das nicht, und ich sitze an der Kasse und kann nicht weg, wenn sie einkaufen kommt“.

Clint Lutes aus New York ist der Erfolg beim Bio-Flirt bisher versagt geblieben: „Ich habe es schon öfter versucht, aber bisher hat es leider nicht geklappt“. Lutes findet Menschen, die gesunde Lebensmittel einkaufen, attraktiver als andere. „Sie achten auf sich selbst und ihre Umwelt“, sagt er. Um jemanden kennen zu lernen, probiert der 29-Jährige es zunächst mit einem Lächeln.

Vor einem tiefen Blick in die Augen ist ein tiefer Blick in den Einkaufskorb des Gegenübers angebracht. Bei kleinen Mengen von der Wurst- und Käsetheke handelt sich nach Erfahrung des Personals meistens um einen Single. Auch eine Pizza und ein Bier oder ein Fertiggericht weisen daraufhin. Vorsicht ist beispielsweise bei einem Blumenkohl geboten. Singles kaufen so etwas nicht, weil sie nicht drei Tage davon essen wollen, heißt es.

Gesprächsgrundlage bietet der Einkauf alle mal. Vor allem, da es im Biomarkt eher ruhig und gemütlich zugeht. Wer Bio einkauft, hat meistens Zeit, nach links und rechts zu schauen. Auch an der Kasse wird nicht gehetzt. „Stammkunden treffen sich bei uns und kommen ins Gespräch“, sagt Akshar Dogral. Er arbeitet bei der Bio Company in der Schönhauser Allee und flirtet gerne. „Ich lächle alle an, die mir sympathisch sind“, sagt der 41-Jährige. Dogral ist voll des Lobes für seine Kunden. „Die Leute setzen sich mit Lebensmitteln auseinander und damit auch mit sich selbst“, sagt er. Die Menschen hätten eine positive Einstellung und strahlten das auch aus. Ein Kollege habe seine Freundin im Laden kennen gelernt, berichtet Dogral. „Sie hat sich immer nur bei ihm an der Kasse angestellt.“

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