Berlin : Natur-Kunststück von Tobacco Brown: "Wüllscht Du noch ein Egg?"

Reinhart Bünger

"Ick have noch achtzig Eggs an the Rezeption", sagt die New Yorker Designerin Tobacco Brown und huscht mit ihrem schwarzen Cape wie eine Fledermaus nach Geschäftsschluss durch das abgedunkelte Atrium des Design-Kaufhauses Stilwerk in der Kantstraße. Aus einer kleinen Kammer holt sie Nachschub für ihren Garten: bunte Ostereier, Schokoladenhasen und Maikäfer. Das viereinhalb mal achtzehn Meter große Areal muss noch für das Osterpublikum vorbereitet werden. Alles duftet frisch nach Lavendel, Salbei und Thymian.

Eine Oster-Oase mitten in der Großstadt, begrenzt von Buchs- und Lorbeerbäumen. Eine ländliche Zuflucht in einem Kaufhaus aus Glas und Stahl. Der künstliche Kreislauf des Geldes, der hier das Geschäftsleben über fünf Etagen bestimmt - überwunden, eingebunden in den Kreislauf der Natur. Jeden Tag, so hat Brown beobachtet, sieht ihr Garten anders aus. Die Installation "Cape Good Easter" ist ein Stilwerk aus american way of country life und deutschen Bauernregeln: "Im April wächst das Gras ganz still."

Das Gästebuch an der Rezeption ist voll des Lobes. "Hier in Berlin (Dorf) hat so etwas noch gefehlt", ist da zu lesen, "einfach fantastisch". Vor allem Kinder sind begeistert, wenn sie die Fläche entdecken: Sie pflücken Gänseblümchen. Sie sammeln Eier. Und werden von ihren Eltern ermahnt. "Ihr könnt doch nicht alle Eier aufsammeln!" Dann setzen sie sich auf eine der niedrigen Steinmauern und mustern Tobacco Brown. Um herauszufinden, wie weit sie bei ihr gehen können. Brown, geboren und aufgewachsen in Memphis, Tennessee, hat ein großes Herz. "Wüllscht Du noch ein Egg?". Auf Browns bemooster Osterwiese findet sich immer noch etwas Süßes. Nur die Geschäftemacher verwies Tobacco Brown auf die Plätze: Zu gerne hätten sich die Firmen, die hier mit am Werk waren, mit Preisschildern eingeschrieben. Aber das wollte die Künstlerin nicht. "This land ist my land."

Tobacco Brown hatte bis zum 29. März noch nie einen Garten angelegt. Zwar hat sie an der New Yorker School of Visual Arts Design studiert, später Verkaufsräume, Möbel und RTL-Bühnenbilder gestaltet - aber Gärten? Zwei Maximen halfen ihr. Die erste mutet wie Größenwahn an, ist in der Branche aber gängige Formel: Wer einen Löffel gestalten kann, ist auch in der Lage, eine Stadt zu entwerfen. Grundsatz Nummer zwei: Von außen nach innen und von innen nach außen. Hermann Hesses "Siddhartha" lässt grüßen. "Interiors and exteriors, indoor plants in an outdoor garden". Die Natur im Gebäude also, der Harmonie wegen. Die 45-Jährige strahlt über beide Wangen. "I am zufrieden", sagt sie, "ick maake Schönheit this Year." Seit Donnerstag ist es nach Browns Gespräch mit Stilwerk-Kulturmanagerin Ulrike Rose beschlossene Sache: Das auf Wellpappe gebettete Natur-Kunststück soll eine weitere Woche bleiben, wo es ist. Die Kellnerin im Restaurant "Stil" wünscht sich an der Ecke des Atriums, dass der Garten für immer bleibt: "Manchmal stehen da nur Autos und so langweilige Sachen in der Halle." Gerne hätte Tobacco Brown richtige Mauern aufgebaut, mit Aussparungen für Blumenkästen in Fensterhöhe - so, als ob der Garten in der Ruine eines Hauses angelegt wäre. Doch das wäre zu schwer geworden. Der Fliesenboden hätte eventuell nachgegeben, und das Paradies wäre eine Etage tiefer zum Teufel gegangen. Wie würde ein zweiter Entwurf für einen Garten nach den Erfahrungen im Stilwerk-Gebäude aussehen? "Viel longer", sagt Brown mit Blick auf die 75 Meter lange Halle mit einer Grundfläche von 780 Quadratmetern. Wäre der Garten länger, ließen sich auch das Café und das Restaurant "Stil" einbeziehen.

Welche Vorbilder mag Brown vor Augen gehabt haben, als sie für ihren Garten Eden antike Baufragmente, Zitronenmelisse, Terracotta-Kübel, beachstones, rote Klinker und rostigen trash auffahren ließ? Wohl alle und keines: Die traditionellen Gartentheorien finden sich im "nontraditional garden" der in Berlin lebenden New Yorkerin wieder, als seien sie vorher in einen melting-pot gemischt worden. Elemente des englischen Gartens werden im Stilwerk nicht von Hecken, sondern von Wackersteinen begrenzt (Brown: "Unbehauene Steine waren nicht zu kriegen"). Und die im 19. Jahrhundert aus Europa in die USA hinübergeschwappte Volksparkbewegung findet ihren Platz in der symmetrischen Anlage des Entwurfes: Hier wie dort geht und ging es um das Hereinholen des Landes in die endlosen Schachbrettmuster der Großstädte. Zugleich finden die Maßverhältnisse der Ausstellungshalle ihre Entsprechung. Und doch ist mediterranes Flair zu verspüren, das die strenge Ordnung mit Düften und Wildwuchs überlagert.

Tobacco Brown graut vor dem Abbau der Anlage, die wie ein Puzzle zusammengesetzt ist: Wohin nur mit den vielen Pflanzen, die sie gekauft hat? Verschenken? Ja, aber noch nicht alle. Vielleicht nimmt der Gärtner einige zurück. Die Klinker sind gegen Kaution geliehen - wehe, wenn da ein Stein fehlt oder zerbrochen ist. Den Buchs- und Lorbeerbäumen darf kein Blatt gekrümmt werden. Sie sind ebenfalls geliehen - wie die alten Simsfragmente, die den Zerfall antiker Tempelanlagen symbolisieren. Brown hat sie bei einem Baustoffhändler in Brandenburg entdeckt, der mit historischen Originalteilen handelt. Die angejahrten Gartenstühle - vor zwei Monaten aus den USA geliefert - müssen hingegen zurück zum Gleisdreieck in Kreuzberg. In dieser düsteren Gegend, wo mehr Filmteams als Anlieger unterwegs sind, hat Brown ihre Traumwohnung gefunden. Vom Frühstückstisch aus kann sie den U-Bahnpendlern alle drei Minuten in die Zeitung gucken. Fast wie in New York.

Tobacco Browns Süßigkeiten-Korb ist fast leer. Schnell setzt sie noch einen Schokoladen-Maikäfer in eine Mauerritze. Ein Hase steht seit Karfreitag mit den Osterglocken Spalier. Den Rest muss die Natur besorgen: Die kleine Welt ist erst komplett, wenn heute die letzten Blumen aufblühen.

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