NATURKUNDE : Arme Sänger, schräge Vögel

In Berlin wird noch vielfältig gezwitschert – zum Beispiel im Tiergarten. Am Wochenende rufen Naturschützer zur Zählung auf.

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Im Flug. Eine Ringeltaube hebt ab.
Im Flug. Eine Ringeltaube hebt ab.

Morgens um sieben ist Jens Scharons Orchester besonders laut zu hören. Dann steht der 49-Jährige an der Luiseninsel im Tiergarten – enthusiastisch und so wachsam wie ein Dirigent, der auf seine einzelnen Musiker lauscht. „Da drüben im Gebüsch“, sagt Scharon, „da zwitschert der Buchfink.“ Direkt über ihm auf dem Buchenzweig trällert eine Kohlmeise „Ziziwi“. Aus dem Rhododendronhain links am Weg kommt das „Tri, Tri, Tri“ der Singdrossel. Und auch das Schlagen der Nachtigall fern in der grünen Kulisse erkennt der Vogelexperte des Naturschutzbundes Berlin (Nabu) sofort.

Jens Scharon ist seit Freitag mit Liste, Stift und Fernglas im Tiergarten unterwegs. Er notiert alle gefiederten Parkbewohner, die er entdeckt. Das gehört zu seinen Pflichten während der diesjährigen Vogelzählung in Berlin. Auch möglichst viele Bürger sollten daran am Wochenende teilnehmen, wünscht sich der Nabu (siehe Kasten). Je mehr Beobachtungen bei diesem Langzeitprojekt zusammenkommen, umso besser lässt sich einschätzen, wie sich Berlins Vogelwelt über die Jahre entwickelt.

Die Sonne glitzert auf dem Tau der Wiesen, Jogger ziehen an Scharon vorbei, ein Rentnerpärchen liest auf der Bank an der Löwenbrücke Zeitung. Mittendrin steht der kräftige Naturschützer am Wegesrand. Outdoorhose, kurzärmeliges Hemd. Er verhält sich mucksmäuschenstill, hat gerade einen Zaunkönig auf einem Fliederbusch im Blick. Der gehört zu den kleinsten, aber zugleich lautesten Singvögeln Berlins. „Tek, Tek – dzrr-dzrr“ ruft der braun gefiederte Winzling, über dessen Beziehungsleben Scharon gut Bescheid weiß. „Das Männchen baut bis zu fünf Nester, bevor es sich eine Frau sucht“, erzählt er. „Ist das Weibchen gefunden, darf es sich das schönste Nest aussuchen und kümmert sich dann um die Inneneinrichtung.“

In Berlin leben rund 130 Brutvogelarten. Allein im Tiergarten wurden mehr als 40 Arten gesichtet – von Amsel, Blaumeise, Bachstelze und Buchfink bis zur Mönchsgrasmücke, dem Waldlaubsänger oder Bussard und Habicht. Insgesamt gibt es in Berlins größtem Park bis zu 10 000 Singvögel, schätzen die Ornithologen. Bleibt diese Vielfalt der Vogelstimmen den Berlinern in Zukunft erhalten? Jens Scharon, der sich beim Nabu hauptberuflich um Artenschutz kümmert, lacht optimistisch. Es sehe „recht gut aus“, sagt er. „Bedenken Sie mal, wie viele Menschen sich selbst in der City über den Gesang der Nachtigallen oder die lustigen Spatzen freuen.“ Berlin gelte als die Hauptstadt der Nachtigallen und Haussperlinge. Warum? „Es liegt an den vielen Parks, Gärten oder Brachen, die oft noch weniger steril geordnet sind als anderswo“, sagt Scharon. Und warnt zugleich vor den „vielen unbedachten Sanierungen“. Werden die Nischen der Vögel zerstört, nimmt ihre Vielfalt ab. Das ist bei den Rauchschwalben und Dohlen schon passiert. Sie gelten als bedrohte Arten in Berlin. Dohlen brüten gern in Mauerlöchern. Die gibt es an den glatten, wärmegedämmten Fassaden kaum mehr. Die Schwalben hängen ihre Nester unters Dach. Damit sie Mauern nicht bekleckern, wird dies durch Schutzvorrichtungen verhindert.

Über eine Liegewiese am Neuen See hüpft ein Schwarm Nebelkrähen. „Schlaue Typen“, sagt Scharon. „Sie dezimieren keineswegs unsere Singvögel, wie oft behauptet wird.“ Krähen räubern zwar Nester aus oder schnappen sich mal einen Jungvogel, aber die gefiederte Sängerschar vermehrt sich zugleich rasant. Viele Arten brüten in jedem Frühjahr drei- bis viermal hintereinander, bis zu 13 Eier gehören zu einem Blaumeisengelege. Und von wegen Treue im Nest. „So manches Meisenweibchen schlüpft schnell mal raus und sucht sich zwischendurch noch andere Männer.“.

Am Tiergartenufer zeigt Jens Scharon zu einem schrägen Vogel. Der silbrig glänzende Star wippt auf einem Zweig. „Stare nennt man auch Spötter, weil sie andere Vogelstimmen und selbst quietschende Autobremsen imitieren können.“ Daneben rennt ein Gartenbaumläufer einen Buchenstamm hoch, streiten zwei Rotkehlchenmännchen auf- und abflatternd um ihre Reviere, sitzt ein Grauschnäpper wie erstarrt in einer Astgabel – bereit, sich auf vorbeisurrende Insekten zu stürzen.

Nur die Nachtigallen bekommt auch der Fachmann ganz selten vors Fernglas. Sie sind klein wie Spatzen, unscheinbar grau-braun, scheu – aber jetzt mit ihren bis zu 120 verschiedenen Strophen überall präsent. Auch tagsüber. Wenn ein Männchen ab Mitte Mai besonders lange singt, hält es Jens Scharon allerdings für einen bedauernswerten Kerl. „Der hat noch immer keine Frau gefunden“, sagt er. Danach geben die Nachtigallen nämlich schnell Ruhe.

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