Naturkundemuseum : Das Musterbeispiel

Ein Einweckglas mit Alkohol, ein roter Punkt: Da treibt ein Prototyp

Robert John Guppy fing ihn 1859 in Trinidad. Knapp zwei Zentimeter war der tropische Süßwasserfisch lang, den der britische Naturwissenschaftler danach auf die Reise zum damaligen Zoologischen Museum im Haupthaus der Humboldt-Universität Unter den Linden schickte. Als Museumsdirektor Wilhelm Peters das Päckchen mit dem in Alkohol eingelegten Inhalt öffnete, hielt er eine Neuentdeckung in Händen. Peters beschrieb den Fisch erstmals und gab ihm die wissenschaftliche Bezeichnung „poeclilia reticulata“. Im Volksmund heißt der inzwischen populäre Aquarienfisch aber seit langem nach seinem Namensgeber schlicht: Guppy.

Das Exemplar von 1859 steht in der Fischsammlung des Museums für Naturkunde. Auf dem verschlossenen Glas mit dem Guppy in hochprozentigem Alkohol klebt ein roter Punkt. Heißt: Dies ist das international anerkannte Typusexemplar, in der Welt der Technik würde man sagen: der Prototyp. Anhand dieses Fisches also wurde die Art zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben. Rund 215 000 solcher gekennzeichneter Typusexemplare werden in den Sammlungen des Museums aufbewahrt, darunter zehntausende Schmetterlinge, Insekte und Weichtiere. Viele stammen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, als Expeditionen die Flora und Fauna in den Kolonien des Deutschen Kaiserreiches erforschten. Die größten Musterstücke aus dieser Zeit sind der afrikanische Waldelefant und der Berggorilla. Von jedem lagern in der Sammlung Schädel, Skelett und Fell.

In der Museumsausstellung wird nur ein Typusexemplar beispielhaft gezeigt. Es ist das in Alkohol konservierte Urstück der australischen Giftnatter Taipan. Die Schlange steht in einer Sicherheitsvitrine, denn Typusexemplare sind der Ausgangspunkt vergleichender Studien und folglich unersetzlich. Sogar australische Zoologen fliegen zum Ur-Taipan nach Berlin, bevor sie sich auf die Suche nach Unterarten der Schlange begeben. CS

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