Naturkundemuseum : Geleert und gefedert

Ausstopfen war gestern, heute geht das mit Schaumstoff. Präparator Jürgen Fiebig ist auf Vögel spezialisiert.

Sebastian Leber

Das sind nicht irgendwelche Pinguinbabys, das sind Kaiserpinguinbabys, sagt Jürgen Fiebig. Die leben nur in der Antarktis. Und können bei Eisstürmen und 50 Grad minus überleben. Na gut, die hier wohl nicht mehr.

Jürgen Fiebig hat sie gerade erst fertig präpariert. Das deutsche Forschungsschiff Polarstern brachte sie von einer Expedition mit, die Jungtiere waren schon tot, als man sie im Eis fand. Jürgen Fiebig, 55, ist zoologischer Präparator am Naturkundemuseum, seit 36 Jahren schon. Er hat noch vier Kollegen, sein Spezialgebiet sind die Vögel. Mehrere tausend hat er ausgestopft. „Präpariert!“, korrigiert Fiebig und grinst. Das Wort „ausstopfen“ benutze man schon lange nicht mehr. Vor 150 Jahren hat man toten Tieren noch die Innereien herausgenommen und den Hohlraum einfach mit Holzwolle gefüllt. So sahen die Tiere dann aber auch aus, sagt Fiebig. Unförmig, kein Vergleich zur heutigen Technik.

Seine Arbeitsgeräte liegen auf dem Schreibtisch verstreut, oben, in seinem Büro im vierten Stock. Da sind Zangen, Scheren, Pinzetten in verschiedenen Formen und Größen. Es riecht ein bisschen. Das sind die Lösungsmittel und der Alkohol, sagt Jürgen Fiebig. „Man gewöhnt sich dran.“ Und dann sind da die Schaumstoffblöcke, bei Anlieferung zwei mal ein Meter groß. Das ist die gängige Methode: Man löst die Haut vom Tier und wirft das Fleisch nicht weg, sondern nimmt die Form als Vorlage, um einen identisch geformten Schaumstoffkörper zu schnitzen. „Auf den wird dann die Haut geklebt und fertig.“ Klar, dass es so einfach nicht ist.

Drei Tage Arbeit hat Fiebig für jeden der Pinguine gebraucht. Die Vögel kommen nun ins Depot, da werden sie gelagert, bis sie für Ausstellungen benötigt werden. Viele andere präparierte Tiere landen in der wissenschaftlichen Sammlung. Allein 200 000 Vögel werden im Naturkundemuseum aufbewahrt, das ist mit Abstand die größte Vogelsammlung Deutschlands. Auch die Säugetiersammlung hat einen guten Ruf. Immer wieder haben hier in den vergangenen 150 Jahren Präparatoren gearbeitet, die für ihre Generation führend waren. Zum Beispiel in den Dreißigern Karl Kaestner und Gerard Schröder. Ihr Meisterwerk ist „Bobby“, das Gorillamännchen. Noch heute bleiben Schulklassen davor stehen. Der Gorilla wurde damals noch extra gejagt und getötet, um ihn dann präparieren zu können. Das wäre heute undenkbar. Die meisten Tiere, die Jürgen Fiebig angeliefert bekommt, haben Spaziergänger oder Ornithologen tot am Wegesrand gefunden. Andere stammen aus Zoos. Erst heute morgen hat Fiebig eine neue Ladung aus dem Tierpark abgeholt: einen Sperber-Geier, der wird erst mal in einer der vielen Kühlboxen im Flur gelagert. Jetzt hat der Präparator eine Blauelster auf der Liste. Und eine Wasserralle. Und einen Milchuhu. Über zu wenig Arbeit können sich die Mitarbeiter des Museums nicht beschweren. Gestorben wird immer.

Manchmal wird Fiebig gefragt, warum er sich freiwillig mit toten Körpern beschäftige, ob er vielleicht vom Tod fasziniert sei. „Das ist ein Denkfehler“, sagt er dann. „Wir Präparatoren sind eben nicht vom Tod fasziniert, sondern vom Leben. Wir sehen ein totes Tier und denken: Diese Schönheit muss erhalten werden. Die kann man unmöglich den Maden überlassen.“ Er will das Leben erhalten, zumindest als Standbild.

An einer Wand im Büro hängen bunte Schärpen. Die hat Jürgen Fiebig bei Präparatoren-Wettbewerben gewonnen. Ein bisschen Platz ist noch. Im Februar fährt er nach Salzburg, da tritt er bei der Weltmeisterschaft der Präparatoren an. Man könne sich ja immer noch steigern, sagt er. „Ich bin nie richtig zufrieden.“ Auch mit dem Pinguin nicht, den er gerade in der Hand hält. „Wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man, dass die Augen nicht hundertprozentig symmetrisch sitzen.“ Als Laie sieht man das nicht. Aber bei der Weltmeisterschaft gäbe es dafür Punktabzug.Sebastian Leber

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