Naturkundemuseum : Im Zeichen der Zikade

Nichts fasziniert Hannelore Hoch mehr als Insekten. An ihnen zeigen sich die Mechanismen der Evolution.

Sebastian Leber

Zuerst ein tiefes kurzes Brummen, knapp eine Sekunde lang. Dann ein etwas höheres. Dann wieder das tiefe. Hoch, tief, hoch. Eine halbe Stunde geht das so. Das ist der Balzgesang der Höhlenzikaden. Hannelore Hoch, die Insektenforscherin, hat ihn auf ihrem Computer gespeichert. Wenn sie die Töne jemandem vorspielt, bekommt sie leuchtende Augen. „Ist es nicht Wahnsinn, so etwas zu hören?“

Die Oliarus polyphemus ist ihr Spezialgebiet, eine Höhlenzikadenart, die nur auf Hawaii lebt. Das Tier ist nicht sehr ansehnlich. Keine vier Millimeter groß, die Farbpigmente fehlen, Augen hat es nicht. Die Art lebt seit Jahrtausenden im Dunkeln, darum haben sich die Augen zurückgebildet.

Hannelore Hoch findet Oliarus polyphemus „faszinierend“, und sie kann sich kaum ein besseres Studienobjekt vorstellen, weil sich die Zikaden auf Hawaii in den zerklüfteten Höhlen erstaunlich schnell in einzelne Tochterarten aufspalten. Forscher nennen das „Evolution im Zeitraffer“. Zwölf verschiedene Arten hat Hoch auf Hawaii gefunden. Vergleicht man die nun miteinander – oder mit den oberirdisch lebenden Zikaden –, kann man herausfinden, warum und wie sich aus einer Gruppe von Tieren verschiedene Spezies herausbilden. Kurz: Man kann an Zikaden die Mechanismen der Evolution erforschen.

Genau das hat Hannelore Hoch dieses Jahr vor. Im Naturkundemuseum startet ein neues Forschungsprojekt. „Speleogenomics“ heißt es, und Hannelore Hoch wird es gemeinsam mit einem Kollegen aus Detroit durchführen. Alles ist schon vorbereitet, nur die Zikaden selbst fehlen noch, die sollen diesen Monat aus Hawaii eingeflogen werden.

Im Gewächshaus des Museums steht ein Kasten, in dem die Tiere gehalten werden. Auch die Metrosideros polymorpha haben sie schon hier, das sind die Pflanzen, von deren Wurzeln sich die Zikaden auf Hawaii ernähren. Genauer gesagt: von ihrem Saft. Zikaden stechen die Wurzeln bloß an und saugen dann die Flüssigkeit auf.

Hannelore Hoch ist 51. Die meiste Zeit ihres Berufslebens hat sie sich mit Zikaden beschäftigt. In ihrem Büro oben im ersten Stock des Museumsgebäudes hängt ein Plakat an der Wand, das sagt eigentlich schon alles: Es zeigt Insekten, um ein Vielfaches vergrößert. „Giants“ steht auf dem Poster, „Riesen“. Das sind Insekten für Hannelore Hoch. „Keine andere Tiergruppe ist so anpassungsfähig, keine schafft es, in alle Lebensräume vorzustoßen, egal, wie feindlich die auch sein mögen“, sagt sie. Die Professorin kennt Insekten, die in Gletschern überleben, und solche, die sich in 90 Grad heißen Quellen wohl fühlen. Selbst in Petroleumpfützen von Erdölfeldern findet man welche. „75 Prozent aller bekannten Tierarten sind Insekten“, sagt sie.

Außerdem, und das meint Hannelore Hoch ganz ernst, gehörten Insekten zu den hübschesten Tieren überhaupt. Zum Beweis holt sie ihren USB-Stick aus der Hosentasche. Da hängt ein Anhänger dran, ein Stück Kunstharz mit einem Käfer drin. Ein Rüsselkäfer aus Südamerika, der schillert grün und blau-metallisch. „Schön, nicht?“ Und wenn man den erst unter ein Mikroskop legt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sagt sie. Selbst Silberfische seien elegante Tierchen, man müsse nur richtig hinschauen. Hannelore Hoch hat eine Theorie, warum ihre Forschungsobjekte so einen schlechten Ruf haben: „Als Kleinkind ist jeder von Insekten fasziniert. Bis die Eltern einem einreden, dass sie Ungeziefer und bäh sind.“ Deshalb müsse man später, als Erwachsener, erst einen neuen Zugang zu den Tieren finden.

Ihr Mann ist nicht genervt von ihrer Leidenschaft. Der ist selbst Zikadenforscher, beschäftigt sich seit Jahren mit der afrikanischen Delphacidae. Gerade stellt er eine Monographie fertig, die ist mehrere Bände dick, 500 neue Arten beschreibt er darin. Eine hat er nach seiner Frau benannt: Delphacidae Hana. Nein, sie seien keine Exzentriker, sagt Hannelore Hoch. „Wir mögen die Stones, Impressionisten, asiatisches Essen.“ Letztens gab es Heuschrecken mit Schokoladenüberzug.

Wegen der Zikaden war sie schon auf Samoa, den Kanaren, in Singapur und Australien. Und immer wieder auf Hawaii, einmal sogar ein ganzes Jahr lang. Da saß sie im Tonstudio und wartete darauf, dass die Zikaden vor ihrem Spezialmikrofon mit dem Balzen anfangen. So gut wie damals wird es ihren Forschungsobjekten diesmal nicht ergehen: Um der Evolution auf die Spur zu kommen, braucht Hannelore Hoch DNA. Das überleben die Tiere nicht.Sebastian Leber

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