Naturkundemuseum : Quak mit Soße

Sammlungsleiter Mark-Oliver Rödel arbeitet oft in Afrika. Dort spürt er unbekannte Froscharten auf.

Stefan Jacobs

Mark-Oliver Rödel ist gerade aus Madagaskar wiedergekommen. Allzu braun geworden ist er nicht, aber schön war die Reise offenbar. Oder zumindest ertragreich. „Es ist ja nicht jedermanns Sache, nachts durch den Regenwald zu laufen und sich hinterher zehn Blutegel abzusammeln.“ Seine schon, wie es aussieht. Er lächelt. Hinter ihm guckt der Regenfrosch aus dem Computerbildschirm wie eine Bulette.

Rödel war, wie üblich, im Dienste der Froschforschung unterwegs. Jetzt sitzt er in seinem verbauten Büro mit einem Paar Gummistiefeln neben dem Schreibtisch und Regalen voller Gläser mit gesammelten Fröschen. Tausende, die irgendwie ungesund aussehen. „Amphibien in Alkohol wirken immer ein bisschen traurig“, sagt Rödel. „Weil sie ausbleichen.“ Aber lebende Amphibien und Reptilien – Wahnsinn, was es alles gibt! Eine Schildkröte etwa atmet durch den Hintern, bei einer Blindwühle grasen die Jungen auf dem Rücken der Mutter. Bei einem Frosch leben die Kaulquappen in den Schallblasen der Männchen wie in Mini-Aquarien. Bei einer anderen Art schluckt das Weibchen die Eier und spuckt zwei Monate später die fertigen Fröschlein aus. Die Frage, warum die Eier im Magen nicht verdaut werden, ist auch für die Pharmaindustrie im Kampf gegen Magengeschwüre interessant; leider ist die Froschart kürzlich ausgestorben. Aber der hier, Rödel holt das größte Glas aus dem Schrank, ist auch nicht schlecht: Haarfrosch, steht auf dem Etikett. Der Dicke, mehr als handtellergroß, ist das Männchen, und die Haare vor den Hinterbeinen sind Hautfäden, durch die er atmet, wenn er rund um die Uhr das Gelege auf dem Grund von Bächen bewacht. Das unbehaarte Weibchen, ebenfalls im Alkoholglas, ist nicht mal halb so groß. In Kamerun gelten sie als Symbol für Fruchtbarkeit, sagt Rödel: Wenn ein kinderloses Paar zusammen einen Haarfrosch isst, bringt das Kindersegen. Allerdings zählen nur selbst gesammelte Exemplare.

Man solle bloß nicht glauben, dass alles erforscht sei, sagt Rödel, der große Teile seines Arbeitslebens in Afrika verbracht hat. „Wir finden auf jeder Expedition neue Arten.“ Rund 500, die noch nicht in der Fachliteratur beschrieben sind, wurden allein in Afrika, Madagaskar und Neuguinea schon entdeckt. An Rödels Projekten sind immer auch afrikanische Studenten beteiligt. So können ihm die Stammesältesten keinen vom Pferd erzählen. Zumal Froschforschung auch Diplomatie ist. Die geht beispielsweise so: „Essen Ihre Leute eigentlich Frösche?“ – „Igitt!“ – „Aber die im Nachbardorf essen welche.“ – „Ja, und?“ – „Aber wo es doch hier so viele leckere Frösche gibt.“ – „Na ja, hm.“ – „Und die Kinder im Dorf haben auch erzählt, dass sie Frösche essen.“ – „Ja, manche.“ – „Alle?“ – „Viele. Aber die meisten Frösche verkaufen wir in die Nachbardörfer.“ An dieser Stelle kann das Gespräch von der biologischen auf die diplomatische Ebene wechseln. Sagen wir, es geht um den Tigerfrosch, dessen Kaulquappen die Larven von Mücken jagen. Mangels Tigerfroschkaulquappen gibt es immer mehr Mücken und deshalb vielleicht auch mehr Malaria-Infektionen: Sollte man nicht über Fangquoten nachdenken oder über eine Schonzeit? Das sind Gespräche, die ein Weißer allein niemals führen könnte.

Nun muss, wer Frosch meint, auch Quak sagen. „Das Rufen ist energetisch so ziemlich das Teuerste, was es gibt“, sagt Rödel. „Wenn Sie einen Tümpel vor der Haustür haben, in dem es nachts quakt, glauben Sie nicht, dass das immer derselbe Frosch ist. Nach drei, vier Nächten ist der so ausgepowert, dass er sich erst mal die Wamme vollfressen muss.“

In Afrika gibt es eine stumme Froschart. Die Frage ist, wie ein Frosch, der sein Leben schweigend in einer Baumhöhle verbringt, Artgenossen auf sich aufmerksam macht. Da das Tier auffallend große Drüsen hat, tippt Rödel, dass es sich per Geruch verständigt. Allein, er weiß es nicht. Da ist er 42 geworden, um zu erkennen, dass sein Leben nicht reichen wird, um alles zu erledigen, was froschmäßig noch zu erforschen wäre. Stefan Jacobs

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