Naturkundemuseum : Tod in der zweiten Eiszeit

Wie Spezialisten den Museumskäfer bekämpfen

Stefan Jacobs

In diesem Fall war nicht die Heuschrecke der Mörder. Das Vieh, ein Präparat von 1890, sieht gar nicht gut aus in seinem Schaukasten. Die Gliedmaßen sind abgetrennt, einzeln liegen sie um die Reste des Rumpfes herum, von dem kaum mehr übrig ist als die Aufspießnadel und ein Häuflein blassbraunes Gekrümel. Ein Fach weiter ein löcheriges Stück Fell. Nebenan Reste eines Nashornkäfers, einst vier Zentimeter Insekt plus fünf Zentimeter Horn, fast zerfallen. Und schließlich ein präparierter Spatz, der zerfledderter aussieht als ein abgeliebtes Plüschtier.

So sieht es aus, wenn der Museumskäfer zu Besuch war.

Hinterlassen hat er mehrere Hülsen aus Chitin, aus denen seine im Schlaraffenland des Schaukastens gemästeten Larven herausgewachsen sind. „Am liebsten geht er an Präparate, die noch nicht so uralt und verstaubt sind“, sagt Joachim Willers, Käferexperte des Naturkundemuseums. „Er ist sehr zählebig. Wenn nichts anderes da ist, frisst er auch seine eigene Larvenhülle. Oder Staub.“ Staub kann ein Haar sein oder eine Hautschuppe. Damit kommen Larve oder Käfer über den Tag. Trinken müssen die Zerstörer nicht.

Um 1760 hat Carl von Linné den Museumskäfer und dessen Kollegen erstmals wissenschaftlich beschrieben. Einen Teil des Jahres verbringen die Schädlinge auf Blüten im Freien. Aber eine Art, wegen ihres hier gehäuften Auftretens „Berlinkäfer“ genannt, steht im Verdacht, auch als reiner Museumsbewohner zu überleben. Einmal eingeschleppt, bleibt das Tier für den Rest seiner Tage.

Zur Museumskäferfamilie gehört auch der gar nicht so unnütze Speckkäfer, der mit etwa sechs Millimetern relativ groß und laut Willers „kein Sammlungs-, sondern ein Vorratsschädling“ ist. Weil er am liebsten Fleisch frisst, kann er beispielsweise Skelette von Knochen und Sehnen befreien und damit auf seine Art beim Präparieren helfen.

Vier Menschen arbeiten in jenem Flügel des Museums, in dem die Schränke mit den Käfern für die Sammlung stehen. Rein rechnerisch ist damit jeder für eineinhalb Millionen Käfer zuständig. Plus – und das ist weitaus dramatischer – für mehrere hunderttausend, die aufs Ausgestelltwerden warten. Zum Teil seit mehr als 100 Jahren, wie ein willkürlicher Griff in den Schrank zeigt: „Sammler Ude, Berlin, Frühjahr 1905“, steht auf einem Schraubgläschen.

Im Alkohol sind die Präparate vor Schädlingen sicher. Stehen die Austellungsstücke erst einmal aufgespießt im Schaukasten, hilft nur: Fugen abdichten und regelmäßig einen Blick darauf werfen, um Fraßspuren oder Larvenhüllen auszumachen. Bei Anzeichen für einen Befall wird die Kiste schockgefroren. Der Tiefkühlschrank, in dem unter minus 20 Grad herrschen, brummt am anderen Ende des Raumes, 30 Regalreihen von Willers’ Schreibtisch entfernt. Natürlich überstehen die Eier den Frost, so, wie sie ihn ja auch in der Natur aushalten, ob in Sibirien, Lappland oder Kanada. Den Garaus macht ihnen erst ein Trick: Kaum aus dem Kühlfach entnommen, wähnen sich die Schädlinge im Frühling, schlüpfen und entwickeln sich. Dann, in vollem Tatendrang, werden sie wieder ins Kühlfach gesteckt. Diese plötzliche zweite Eiszeit überleben sie nicht.

Früher sind die Wissenschaftler den Schädlingen auch mit Mottenstreifen zu Leibe gerückt. Aber die chemische Keule wird heutzutage nicht mehr geschwungen. „Zu giftig“, sagt Willers. „Und einzeln können wir die Präparate bei vielleicht 20 000 Neuzugängen pro Jahr nicht behandeln.“

Es gibt im Naturkundemuseum keinen zentralen Schädlingsbekämpfer; jede Abteilung ist für sich verantwortlich. Als Käferspezialist bekommt Willers regelmäßig Besuch von Menschen, die beispielsweise einen beim Putzen gefundenen Teppichkäfer vorbeibringen. „Die meisten sind nicht panisch, sondern einfach ratlos“, sagt der Wissenschaftler. Er weiß von Fällen, in denen die Betroffenen umgezogen sind, nachdem sie gesehen hatten, wer unter den Dielen die Haare frisst, die sich in den letzten Jahrzehnten dort angesammelt hatten. Er würde raten, einfach mal gründlich sauber zu machen – ohne allzu scharfe Haushaltsreiniger. „Die sind so giftig, dass die Leute früher sterben.“ Stefan Jacobs

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