Berlin : Naturschutz steht zur Wahl

170 000 Spandauer stimmen über Bebauungspläne am Groß Glienicker See ab

Rainer W. During
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Die rund 170 000 wahlberechtigten Spandauer erhalten in diesen Tagen Post vom Bezirksamt. Die Briefumschläge enthalten die Benachrichtigung zum Bürgerentscheid über die Zukunft der Halbinsel im Groß Glienicker See. Der kuriose Nachbarschaftsstreit kostet den Steuerzahler rund 200 000 Euro für die Organisation der Wahl.

Im Jahre 2005 haben die Projektentwickler Helena Abtahi und Torsten Birlem das 50 000 Quadratmeter große Areal mit dem brachliegenden, ehemaligen Strandbad für 275 000 Euro von der Stadt Potsdam erworben, der das Areal gehörte. In den vorhandenen Gebäuden lebt der ehemalige Pächter der Anlage und wehrt sich gegen den Auszug. Die neuen Eigentümer haben ihm nach eigenen Angaben eine Entschädigung angeboten und auf Räumung geklagt. Wegen einer Erkrankung des Mannes wurde die Vollstreckung vorerst ausgesetzt. Abtahi und Birlem wollen die Bauten abreißen und dafür auf rund der doppelten Fläche – circa 970 Quadratmetern – ein gesundheitsorientiertes Sportzentrum errichten. Das Bezirksamt befürwortet diese Planung.

Widerstand kommt von der Bürgerinitiative „Freunde der Halbinsel“. Sie wurde von Susanne Herm initiiert, die ein Nachbargrundstück gekauft hat und im Frühjahr von Frankreich nach Berlin gezogen ist. Mit der ebenfalls an der Uferpromenade ansässigen Rechtsanwältin Ellen Engel und weiteren Mitstreitern wehrt sie sich vehement gegen das Gesundheitszentrum. Sie werfen den Investoren vor, auf Millionengewinne durch den Wertzuwachs des Grundstücks zu spekulieren. Zudem würde das Landschaftsschutzgebiet gefährdet. Von Fällungen in großem Stil und einer Gefährdung des Sees durch Grundwasserabsenkungen ist die Rede. Unterstützung kommt auch von Naturschützverbänden.

Abtahi und Birlem weisen die Vorwürfe zurück. Nach ihren Angaben müssen lediglich drei Bäume gefällt werden. Eine Grundwasserabsenkung sei nicht vorgesehen und die Wertsteigerung würde sich auf die Höhe der geplanten Investitionen beschränken. 42 000 Quadratmeter des Areals könnten als Landschaftsschutzgebiet überhaupt nicht in Bauland umgewandelt werden. Die etwa 8000 Quadratmeter Strandbadbereich sind als offene Sportfläche ausgewiesen.

Die Bürgerinitiative sammelte mehr als 15 000 Unterschriften für das von ihr gestartete Bürgerbegehren gegen die Planung. Dennoch lehnte die Mehrheit von CDU, FDP und Grauen in der BVV die Forderung auf einen Bauverzicht ab. Stattdessen beschlossen die Bezirksverordneten einen Alternativvorschlag. Danach soll die Bebauung bei gleichzeitiger Verpflichtung des Investors zur Pflege des Landschaftsschutzgebietes und Einrichtung eines Naturlehrpfades gestattet werden.

Auf Vermittlung des Spandauer Rechtsamtsleiters Jürgen Knebel machten die Besitzer einen Kompromissvorschlag. Sie boten an, das Gesundheitszentrum auf 450 Quadratmeter und damit nahezu auf die Größe der vorhandenen Bebauung zu verkleinern. Das Landschaftsschutzgebiet sollte in die Obhut der Naturschützer übergeben werden. Die Initiative winkte erneut ab. Sie forderte im Gegenzug eine reine Wohnnutzung, die Bezirk und Eigentümer ablehnen. Jetzt sollen am 27. Januar die Bürger über den Nachbarschaftsstreit entscheiden. Rainer W. During

Die Bürgerinitiative im Netz:

www.halbinsel.org

Das Bauprojekt im Netz:

www.sport-am-see.eu

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