Nazi-Kollaborateure : Geschichtsaufarbeitung nach Neuköllner Art

Im Streit um eine Ausstellung, die Araber als Nazi-Kollaborateure zeigt, äußert Berlins Migrationsbeauftragter Verständnis für die Absage der Schau.

Philipp Lichterbeck

Der Vorgang erinnert an die „Idomeneo“-Absage in der Deutschen Oper. Deren Intendantin hatte im Herbst 2006 Mozarts Werk aus Angst vor islamistischen Attacken abgesetzt. Nun ist es die Werkstatt der Kulturen in Neukölln, die offenbar aus Sorge, nahöstliche Befindlichkeiten zu verletzen, einer seit Monaten geplanten Ausstellung die Tür verschließt. Streitpunkt sind drei von 96 Schautafeln zum Thema „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“.

In der Schau, die am 1. September eröffnen sollte, geht es um Soldaten aus Afrika und Asien, um Zwangsarbeiter und Sexsklaven. Und es geht, eher am Rande, um Kollaboration mit den Nazis. Diese gab es etwa in Indien oder Argentinien, aber eben auch im Nahen Osten. So schildert eine der umstrittenen Tafeln unter der Überschrift "Palästinenserführer und Kriegsverbrecher" wie der oberste Repräsentant Palästinas, Hadsch Amin al Husseini, in Deutschland von Heinrich Himmler zum SS-Gruppenführer ernannt wurde. Bereits 1937 hatte er dazu aufgerufen, muslimische Länder "judenfrei" zu machen, später rekrutierte er in Bosnien muslimische Freiwillige für die Waffen-SS. Eine zweite Tafel benennt die „Sympathisanten der Faschisten im Nahen Osten“, etwa Ägyptens König Faruk; eine dritte würdigt „Arabische Retter“, die Juden vor dem Tod bewahrten.

Für die Werkstatt der Kulturen und deren Geschäftsführerin Philippa Ebéné sind diese Darstellungen aber nicht akzeptabel. Sie verlangt, die Tafeln zum Nahen Osten wegzulassen. Ansonsten, so droht sie, würde sie vom Hausrecht Gebrauch machen. Ausstellungsmacher Karl Rössler vom Kölner Verein „recherche international“ will jedoch die Schau (im Internet unter www.3www2.de) „ganz oder gar nicht zeigen“. Er spricht von „Zensur“ und zieht nun in die Uferhallen in Wedding.

Den Vorwurf der Zensur weist Ebéné zurück. Sie sagt, dass ein Ausstellungskonzept, in dem auch Kollaboration und Mitschuld thematisiert würden, nie abgesprochen gewesen sei: „Geplant war eine Hommage an die gefallenen POCs (People of Colour), die Deutschland vom Faschismus befreiten.“ Für eine Völkerschau nach dem Motto „Edler Wilder, böser Wilder“ stehe die Werkstatt nicht zur Verfügung. Auch bei anderen Gedenkveranstaltungen, etwa zu Stauffenberg, zeige man nicht auf die Kollaborateure. Dass Rössel dies gemacht habe, sei „rassistisch“.

Verständnis für Ebénés Haltung und die Absage an Rössel äußert Berlins Migrationsbeauftragter Günter Piening. „In einem Viertel wie Neukölln brauchen wir eine differenzierte Darstellung der Verwicklung der arabischen Welt in den Zweiten Weltkrieg“, sagte er dem Tagesspiegel. Der Widerstand der Araber gegen die Nazis werde in der Schau nicht ausreichend gewürdigt. Für Freitag hat er alle Beteiligten zum Gespräch eingeladen.

Demgegenüber hält der Orientalist und Nahostexperte Wolfgang G. Schwanitz die Darstellung der Ausstellung, dass Palästinenserführer Amin al Husseini ein Kollaborateur der Nazis gewesen sei, für korrekt. Husseini sei keine Randfigur gewesen, Hitler sah in ihm den „berufensten Sprecher der Araber“, sagt er. Das könne man nicht aus der Geschichte verbannen.

Mit Verärgerung reagierte Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) auf die Ausstellungsabsage der Werkstatt der Kulturen, die mit öffentlichen Geldern gefördert wird: „Gerade die Werkstatt reklamiert für sich, ein Ort der Freiheit und Kultur zu sein. Geschichte muss man aushalten können.“ Buschkowsky vermutet hinter der Absage die Intervention arabischer „Platzhirsche“.

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