Berlin : Nazis warfen Brandsatz in Jugendhaus

Keine Verletzten bei Feuer in Hellersdorfer Begegnungsstätte. Experten warnen vor „No-Go“-Landkarten

Tanja Buntrock,Suzan Gülfirat

Unbekannte Täter haben in der Nacht zu Dienstag einen Anschlag mit rechtsextremem Hintergrund auf einen interkulturellen Verein in Hellersdorf verübt. Die Täter warfen gegen 2.30 Uhr zwei Brandsätze durch eine Scheibe des Vereins „Babel e.V.“ in der Klausdorfer Straße. Zudem sprühten sie zwei Hakenkreuze und den Schriftzug „White Power“ an die Hauswand. Verletzt wurde niemand. Passanten hatten die Feuerwehr gerufen, die Schlimmeres verhindern konnte. Der Staatsschutz ermittelt.

„Eine Wand- und eine Infotafel und ein Stuhl sind verbrannt. Die Flammen sind bis zur Decke geschossen“, berichtet die Projektleiterin Jeannette Shiferaw. Ihr aus Äthiopien stammender Mann ist Geschäftsführer des Vereins, der mit Projekten vor allem bei Kindern und Jugendlichen für Toleranz wirbt. „Mein Mann ist hier bekannt. Möglicherweise hat der Anschlag mit der Debatte um Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu tun und die Täter versuchen, Schrecken zu verbreiten“, sagt Shiferaw. Vor fünf Jahren sei der seit 1992 existierende Verein schon einmal mit Molotow-Cocktails beworfen worden. „Wir fühlen uns von den Hellersdorfern akzeptiert. Es gibt aber immer einzelne mit rechter Gesinnung, die durchdrehen“, sagt die Projektleiterin.

Vergangenen Freitag war der PDS- Politiker Giyasettin Sayan in Lichtenberg Opfer eines offenbar fremdenfeindlichen Überfalls geworden. Die Polizei sucht weiterhin nach Zeugen. Sayan wird heute aus dem Krankenhaus entlassen. „Ich bin noch sehr müde und geschwächt und weiterhin bettlägrig“, sagte er. Am Montag war Sayan 90 Minuten lang von der Kripo befragt worden. Ihm wurden auch Fotos vorgelegt. „Leider konnte ich niemanden identifizieren. Aber wenn ich den Täter sehe, erkenne ich ihn“, sagte Sayan.

Migrationsexperten aus Berlin und Brandenburg verurteilten gestern den Brandanschlag auf das interkulturelle Begegnungszentrum. Zugleich lehnten sie die Veröffentlichung von Landkarten mit so genannten „No-Go-Areas“ ab. In Berlin herrsche nach wie vor eine offene Atmosphäre, auch wenn diese immer wieder bedroht sei, sagte Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening. Deshalb gelte es, einen besonderen Akzent auf den Opferschutz zu legen. „Das bedeutet, die Stadt mit den Augen potenzieller Opfer wahrzunehmen“, sagte Piening.

Die Debatte um „No-Go-Areas“ war vom ehemaligen Sprecher der Bundesregierung, Uwe-Karsten Heye, neu entfacht worden. Er hatte Menschen mit einer anderen Hautfarbe vor dem Besuch einiger Städte „in Brandenburg und anderswo“ gewarnt. Es müsse ausgesprochen werden, dass es Orte gebe, an denen potenzielle Opfer Angst hätten, sagte Piening. „Die Angst, als Schwarzer, als Vietnamese, als Homosexueller allein abends mit der S- Bahn Richtung Strausberg zu fahren, ist real und ernst zu nehmen, auch wenn nicht jeder Angehörige einer Minderheit immer Opfer einer Gewalttat wird.“

Für Bianca Klose vom Mobilen Beratungsteam Berlin-Brandenburg sind vor allem Dunkelhäutige, Homosexuelle, alternativ gekleidete Jugendliche und Juden gefährdet. Der Begriff der „No-Go-Areas“ sei dennoch problematisch. Manche Betroffene lebten oder arbeiteten dort. Zudem suggeriere eine solche Landkarte, dass das übrige Stadtgebiet sicher sei. Das sei jedoch nicht der Fall. „Überall, wo ein potenzieller Täter auf ein potenzielles Opfer trifft, kann es zu einem verbalen oder physischen Übergriff kommen“, sagte sie.

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