Berlin : Nebenwirkung

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VON TAG ZU TAG

Von Christian van Lessen

Wieder ist der 1. Mai überstanden, mit allem, was seit Jahren dazugehört, das wir gewohnt sind, an das wir uns aber nicht gewöhnt haben. Es gibt Stadtbewohner, die neidisch auf die Leute anderswo im Land sind, weil die unterm Maibaum unbeschwert in den Mai tanzen, sich gutgelaunt am neuen Monat freuen, der eine Wonne sein soll. Die den Tag der Arbeit feiern und mit Worten, wie es sich gehört, auf den Putz hauen.

Das passt nun mal zum Monatsanfang, selbst in Bayern. Aber in Berlin gehört immer noch mehr dazu, die verhexte Walpurgisnacht etwa, die vielerorts im Harz spontan und friedlich gefeiert wird, ein richtiges Volksfest ist, aber hier so gar nicht recht von Herzen kommt, weil der Brauch immer noch fremd und eingeführt anmutet wie Karneval. Flüchte sich wer kann, lautet die Devise, raus ins Grüne, zumindest raus aus Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Umgebung, wo Steine fliegen und die Augen tränen. Wo Sirenen heulen, Scherben klirren. Wo Menschen brüllen und aufeinander einprügeln, wobei der tiefere Sinn des Ganzen unklar ist.

Raus, sagen sich die Leute, die sich den wüsten Anblick ersparen möchten. Nur raus, mindestens ein paar Ecken weiter, oder an den Stadtrand oder gleich in die weitere Umgebung. Oder ganz zu Hause bleiben. Die eigene Stadt, so die traurige Nebenwirkung jeden Maianfangs, wird fremd, für ein, zwei Tage. Das hält das Fremdeln zum Glück in Grenzen. Die meisten Berliner sind gern Berliner – wenigstens an 364 Tagen im Jahr. Dann ist der 1. Mai wieder überstanden.

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