Berlin : Nehmt Kerzen

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über die

Lichter der Großstadt WestBerlin

Genau 118 Jahre ist es her, dass in Berlin erstmals ein Weihnachtsbaum mit elektrischen Kerzen illuminiert wurde – eine Lobbyistenaktion des Elektrotechnischen Vereins, der 90 Lichtlein anknipste. Die AG City darf mit Fug und Recht als Nachfolger der Stromenthusiasten angesehen werden, nur huldigt sie nicht länger dem Fortschritt, sondern hält es mit der Tradition, immerhin der christlichen. Denn was ist der alljährliche LichtSpendenaufruf an die Händler der westlichen Konsummagistrale anderes als die profane Bitte, den herumgereichten Klingelbeutel zu füllen. Leider kommt ihr niemand hinreichend nach, der früher so freigebige Staat nicht und die von Konsumunlust gebeutelten Händler auch nicht. So ist das im Westen seit Jahren, der Fortschritt aber blüht im Osten: Nicht länger das alte „bitte, bitte“, sondern der Sponsoren-Deal nach dem Prinzip „Eine Hand wäscht die andere“. Das will man an Kurfürstendamm und Tauentzienstraße nun auch versuchen, die gewohnte Betulichkeit macht freilich nicht gerade optimistisch, ob es klappt. Doch zur Not könnte sich die AG City noch stärker auf die Tradition besinnen und zugleich den 118 Jahre alten Streit klären, ob nun Wachs- oder Elektrokerzen weihnachtlicher seien: Einfach die Straßenbäume mit blechernen Kerzenhaltern schmücken und zum Streichholz greifen.

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