Berlin : "Nein, ich war kein Oppositioneller", behauptet der Kunsthistoriker Ralph Hoppe

Unter seinen Füßen vibrierte die Erde. Keine Frage - da raste gerade eine U-Bahn vorbei. Doch auf dem Stadtplan von Ost- Berlin war 1984 an der Friedrichstraße keine entsprechende Linie eingezeichnet. Wo West-Berlin lag, befand sich ein riesiger weißer Fleck. Kein Kreuzberg, kein Wedding - erst recht keine Verkehrsverbindungen. Ralph Hoppe erkundigte sich vorsichtig bei seinen Kommilitonen.

Ist die U-Bahn zwischen Ost und West nun geteilt oder was? Nein, sie fuhr von Kreuzberg nach Wedding mit nur einem Halt: am Bahnhof Friedrichstraße, unerreichbar für DDR-Bürger. Der Mann aus Sachsen-Anhalt staunte: So direkt war er mit dem Klassenfeind bislang nur selten in Berührung gekommen.

Der 37-jährige Kunsthistoriker erzählt, wie er den Fall der Mauer erlebte, die letzte Krise der DDR, die Währungsunion. Mehr als 20 vorwiegend weibliche Interessierte lauschen. Hoppe führt sie in Mitte und Prenzlauer Berg zu den Stätten seiner Erinnerung: zur Humboldt-Universität, dem Tränenpalast, dem ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße.

Die private Form der Vergangenheitsbewältigung gehört in diesem Herbst zum Programm des Vereins Stattreisen. Mitarbeiter aus Ost und West berichten in den kommenden Wochen bis Mitte November über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Mauer. Die Touren sind jeweils einmalig - das heißt: Jede Person spricht und führt die Besuchergruppen nur ein Mal.

Hoppes Führung zeigt, wie stark die Versuchung ist, das Vergangene zu verklären. Und dass es in den Biographien eben kein Schwarz-Weiß gibt: Hier ist das Gute, da das Böse. Gestern war ich ein Befürworter der DDR, ab heute bin ich Widerstandskämpfer. Da ist Hoppes Kommilitone, der so gern im Ausland ein paar Semester indische Kunstgeschichte studieren möchte. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, droht er dem Staat Ende der achtziger Jahre mit zivilem Ungehorsam. Er wird verhaftet.

"Und Ihre Seminare liefen normal weiter?" fragt eine Frau. Ja, sagt Hoppe, ab und zu habe man den Studenten sogar in der U-Haft besucht. Interessiert habe er selbst die Gründung des Neuen Forums verfolgt. Aber dort eintreten - nein.

Stimmzettel durchgestrichen

Im Frühjahr 1989 erlebte der Student der Kunstgeschichte, wie FDJler aus dem ganzen Land zum staatlich organisierten Jugendfestival in die Hauptstadt reisten. Die waren "so peinlich zuversichtlich", erinnert er sich. "Die waren glücklich - aber worüber?"

Er selbst habe zu diesem Zeitpunkt schon mit dem System abgeschlossen. Als im Mai 1989 gewählt wurde, ging er in die Wahlkabine, strich alle Namen durch. "Das war schon ungewöhnlich, nicht wahr, dass Sie die Kabine benutzten?" fragt jemand. Gewiss, das tat nicht jeder, bestätigt Hoppe. "Aber ich war kein Oppositioneller", bekennt er später.

Am Seminargebäude Hegelplatz erinnert sich Ralph Hoppe an seine Seminare über Marxismus/Leninismus. Für die DDR-Studenten waren sie ebenso obligatorisch wie die Teilnahme an den Sportkursen der Uni. Er zieht aus seiner Mappe einen alten Zettel, der beweist: Hoppes Leistungen im Fach "Geschichte der SED" waren "ungenügend". Doch letztlich habe er sich anstrengen müssen, um die Prüfung zu bestehen.

"Wer sich in diesem Fach zu stark verweigerte, konnte mit einem Studienausschluss rechnen." Anders als in China oder der Tschechoslowakei waren die Hochschulen kein Hort der Revolution. Allerdings regten sich auch hier kritische Geister. "Wir waren die Problem-Intellektuellen", sagt Hoppe über die Geistes- und Sozialwissenschaftler. "Welche Probleme hatten die schon mit Mathematikern?"

Ausreise nach Methode Biermann

An der Bornholmer Straße steht noch ein Rest der Berliner Mauer. Hier öffnete sich die Grenze zum ersten Mal. Die in der Nacht des 9. November am meisten drängelten, bekamen bei der Ausreise in den Westen einen Stempel auf das Foto im Personalausweis. Nach der Methode Biermann sollten die unliebsamen Störenfriede später einfach an der Einreise in die DDR gehindert werden. Aber der Strom der Neugierigen riss nicht ab.

Ralph Hoppe war an diesem Tag bei einer Ausstellungseröffnung außerhalb Berlins. Erst am 12. November schritt er über die Brücke an der Bornholmer Straße. Sein erster Eindruck vom Wedding: "Schummriges Licht, Kopfsteinpflaster, total runtergekommen. Ich dachte: Aha, so ist also der Westen." JOSEFINE JANERT

Weitere Führungen finden bis zum 14. November jeweils sonntags um 14 Uhr statt. Die Tickets von Stattreisen (Telefon 455 30 28) kosten 15 Mark, ermäßigt 12 Mark. Die Tour am 24. Oktober beginnt am U-Bahnhof Kleistpark (auf dem Bahnsteig), am 31. Oktober am Brandenburger Tor (Touristen-Information), am 7. November auf dem U-Bahnhof Kochstraße (Bahnsteig) sowie am 14. November am U-Bahnhof Schlesisches Tor (Treffpunkt in der Halle).

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