Berlin : Nein sagen und Hilfe holen

In den Berliner Schwimmbädern wird Prävention gegen pädosexuelle Übergriffe geübt

Martha May

Es ist eng im Solebecken. Große Gruppen Zwölf- und Dreizehnjähriger drängen sich dort im Stadtbad Schöneberg. Schwimmen ist nicht angesagt, auch nicht bei den Jüngeren, sondern abhängen, während der Wasserstrahl massiert. Mittendrin sitzen zwei ältere Herren, stumm, beobachtend, interessierter Blick. Zu interessiert?

Neben Schulhöfen, Einkaufszentren und Freizeitparks sind Schwimmbäder die beliebtesten Orte zur Kontaktanbahnung. „Während Mädchen meist innerhalb der Familie missbraucht werden, sind Jungen im öffentlichen Raum besonders gefährdet“, sagt Markus Klein (28) vom Berliner Verein Subway und selbst Vater von zwei Kindern. Jeder vierte Junge wurde bereits angesprochen, jeder zwölfte war von Übergriffen – Exhibitionismus, Berührungen oder gar Vergewaltigung – betroffen. Das zeigt eine Studie von Subway und Freier Universität Berlin von 2005, für die mehr als 2000 Jungen zwischen zehn und fünfzehn Jahren befragt wurden.

In Badehose, T-Shirt und Flipflops bauen Markus Klein und seine Kollegen die Info-Tafeln an der Seite des großen Schwimmbeckens auf: bunte Comics, die zeigen, wie Männer Jungen gezielt aussuchen, ansprechen, an sich binden und nach und nach von Freunden und Familie isolieren. „So unterschiedlich die Täter auch sind, aus allen Bezirken, Bildungsschichten und Altersgruppen, die Strategie folgt immer einem bestimmten Schema“, sagt Klein. Sexuelle Übergriffe auf Jungen passierten selten plötzlich und gewaltsam. Die Täter seien den Opfern vor allem geistig überlegen, setzten sie mit psychologischen Strategien unter Druck. So könne es zu vermeintlich freiwilligen Handlungen von Jungen kommen, auf die pädophile Täter sich später gerne beriefen.

Heranwachsende könnten noch so cool tun, viele wüssten nicht, wie sie sich im Ernstfall verhalten sollten, so Klein. Genau da setzen die Sozial- und Theaterpädagogen des Projekts „Berliner Jungs" an: Sie arbeiten mit Rollenspielen und stellen Opfer-Täter-Verhalten nach. Die Jungs im Stadtbad sollen sich dabei einmischen, die Szenen verändern – und somit selbst einen Ausweg aus der Situation erarbeiten, auf den sie dann selbstbewusst zurückgreifen können. Vor allem lernen sie, Nein zu sagen und Hilfe zu holen.

Wie sich die Bademeister der Berliner Bäderbetriebe verhalten sollten, darin werden sie schon seit knapp zwei Jahren vom Verein Subway und Beamten des Landeskriminalamtes geschult. „Wir haben das Präventionsprogramm neben Schwimmen, Retten und Erster Hilfe in das Aus- und Fortbildungsprogramm unserer Angestellten aufgenommen. Die Kinder sollen geschulte Ansprechpartner haben, die Übergriffe auch verhindern können“, sagt Klaus Lipinsky, Chef der Berliner Bäderbetriebe. Das sei eine vorbeugende Maßnahme. Weder gebe es eine Zunahme von Belästigungen noch Bäder, die besonders betroffen seien. Allerdings sei im Sommer mit einem saisonalen Anstieg zu rechnen.

Hunderte von Kindern tummeln sich am Sonntag beim Spaßbaden mit Seepferdchen und Schaumstoffbooten in den Becken, essen Pommes oder stehen an der Riesenrutsche an. Oft unbeaufsichtigt. Ideale Voraussetzungen für die Anbahnungsphase. Und die verläuft laut Subway subtil: Ein Ball wird zugespielt, ein besserer Platz in der Schlange verschafft oder ein Stück Seife in der Dusche gereicht. Manche Männer drehen auch nur ein paar Runden am Beckenrand, sitzen etwas länger als üblich im Restaurant mit Poolblick.

Trotz Schulung ist es schwierig für die Aufsicht, solche Situationen zu bewerten. Monika List (63), Rettungsschwimmerin im Stadtbad Schöneberg, erzählt: „Hier lief immer ein junger Mann mit den Kindern herum, der mir komisch vorkam. Die Kinder haben ihn als großen Freund gesehen. Da habe ich mit der Mutter gesprochen, aber die wollte nichts davon wissen.“ Viele Eltern seien froh, wenn sie entlastet würden. Später habe sich der Verdacht leider bestätigt.

Schwimmmeister Joachim Hammer, seit über 18 Jahren im Dienst, hat auch schon solche Szenen erlebt. Kinder seien zu ihm gekommen und hätten gesagt: „Da ist einer, der hat sich immer so komisch an der Rutsche herumgedrückt. Er hat uns ausgequetscht und weiß jetzt, wo wir wohnen. Wir sollen mit zu ihm, aber nichts sagen.“ Erst bei konkreten Hinweisen könne er einschreiten und die Polizei holen, sagt der Schwimmmeister. Der letzte Fall sei aber schon ein Jahr her.

Eines hat sich nach Beobachtung des Badepersonals – im Vergleich zu früher – entscheidend verändert: Immer weniger Kinder kommen mit ihren Eltern. „Kinder ohne Vater sind besonders empfänglich“, sagt Markus Klein. Dabei müsse es sich nicht unbedingt um Kinder aus sozial benachteiligten Familien handeln, das käme auch in reichen Elternhäusern in Zehlendorf vor. Zum Beispiel, wenn der Väter ständig auf Geschäftsreise sei. Auch in Kindergärten, Schulen, Freizeitstätten fehlten männliche Betreuer.

Ein älterer Herr watet durch das Kinderbecken, mit suchendem Blick, den Bauch weit über dem Wasserspiegel. Hier weist er ein Kind zurecht, weil es vom Beckenrand springt, dort spricht er ein anderes an, weil das Handtuch heruntergefallen ist. Nur Blockwart-Gehabe oder schon pädophile Strategie?

Neben dem Infotisch auf einem Klappstuhl sitzt Kleins Kollege, ein Theaterpädagoge, und wartet auf seinen Einsatz, während die Sozialarbeiter mit Eltern und Kindern sprechen, die von den bunten Tafeln und Broschüren angezogen werden. Behüten oder loslassen, eine schwierige Entscheidung.

„Ich lasse mein Kind heute zum ersten Mal kurz allein im Becken, man muss ja auch loslassen können“, sagt Anna Lichtwer (40) aus Kreuzberg. Auch Stephan Großmann (39) aus Wilmersdorf wägt ab: „Es ist schon schwierig, Kinder einerseits offen zu erziehen und andererseits vor Fremden zu warnen“, sagt er. Zuhause habe er mit seiner Tochter geübt, anderen Grenzen aufzuzeigen: „Streck den Arm aus. Wenn jemand so nah kommt, dass du ihn berühren kannst, dann ist das zu nah. Das ist dein Raum, der gehört nur dir.“

Aufklären, Nachspielen und Neinsagen üben, das ist die beste Prävention. „Wir wollen, dass die Jungs einen Plan haben, wie sie sich verhalten können“, so Markus Klein. Das sei im Bad relativ einfach: Sofort zum Bademeister gehen! Man müsse den Kindern nur klarmachen, dass sie Hilfe holen müssen, sobald sie sich unwohl oder „komisch“ fühlten – auch wenn noch nichts vorgefallen sei und sie ihr Gefühl nicht so richtig erklären könnten. Zum Beispiel, wenn der Mann im Solebecken stiert oder „aus Versehen“ den Ellbogen berührt.

Informationen zu Projekten und Terminen unter www.subway-berlin.org

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