Berlin : Neonazis stürmten den Ku’damm Polizei nahm 286 Rechte bei Spontandemo fest

Für einen Moment ist die Polizei überrascht, als knapp 300 Neonazis am Mittag in Halensee aus der Ringbahn steigen. Auf dem Kudamm skandieren sie Parolen, entrollen Fahnen, pöbeln laut Polizei Menschen an, die ihnen nicht deutsch genug aussehen. Die aus Sachsen angereisten Beamten reagieren schnell: Stellen sich den Nazis auf der unangemeldeten Demo in den Weg, rufen Verstärkung, zücken die Videokamera, als aus dem Mob Flaschen fliegen. Am Adenauerplatz ist der Spuk unter Kontrolle: Immer mehr Beamte treffen ein, auch Szenekenner, die die Rädelsführer identifizieren. Unter ihnen soll die bundesweit aktive NPD-Größe Jörg Hähnel sein. Die Polizei setzt die Rechten in drei Gruppen zwischen Lewisham- und Giesebrechtstraße fest. Dort sitzen sie unter den Blicken der teils schockierten, teils erleichterten Passanten.

Es dauert bis halb fünf am Nachmittag, bis alle 286 Rechte erfasst, durchsucht und in Polizeibusse gesetzt worden sind. Auch ein offenbar als Trophäe gedachter Videomitschnitt der Nazis wird beschlagnahmt. Die Polizei wirft den Rechten unter anderem schweren Landfriedensbruch vor. Abends werden Beweise gesichtet und Haftbefehle geprüft. Bis dahin bleiben alle in der Gefangenensammelstelle.

Durch den Fehlschlag vom Kudamm verlieren sich die Neonazis an der Bornholmer Straße erst recht im Meer der Gegendemonstranten. Knapp 600 setzen sich kurz vor 15 Uhr Richtung Schönhauser Allee in Bewegung. Ein paar hundert Meter Route räumt ihnen die Polizei frei, aber nach zwei Stunden ist Schluss: Noch auf der Bornholmer Straße, auf Höhe der Seelower Straße, machen die Rechtsextremen kehrt, ohne die Schönhauser Allee erreicht zu haben. Die Sicherheit der Demonstration hätte aufgrund der hohen Zahl an Gegendemonstranten nicht gewährt werden können, sagt der Einsatzleiter der Polizei, Michael Knape. Gegendemonstranten und Anwohner auf den Balkonen brechen in Jubel aus. Es scheint, als würden die Neonazis resignieren und den Anweisungen der Polizei folgen. Doch die Beamten sind vorsichtig – zu Recht. Ordner der Rechtsextremen stoßen Journalisten zur Seite, die Polizei greift ein. NPD-Politiker Thomas Wulf heizt die Stimmung mit Sprüchen über die „politische Polizei“ und die „linke Journaille“ an.

Am späten Abend wollen sich erneut rund 50 Rechte auf den Weg machen, diesmal von Schöneweide nach Rudow. Doch die Polizei lässt sie nur bis zu ihrer Stammkneipe „Zum Henker“ laufen.obs/fan

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