Berlin : Nepper, Schlepper, Schilderpräger

Vor der Kfz-Zulassungsstelle kämpfen Händler um jeden Kunden – auch mit fragwürdigen Mitteln

Thomas Loy

Die Jüterboger Straße ist Berlins Animiermeile: Bunte Neonröhren, blinkende Leitpfeile, „Stopp“-Schilder, offene Container mit lächelnden Portiers, die „Hier herein“ rufen. St. Pauli wird die Jüterboger genannt. Einige sagen auch: Schlimmer als St. Pauli. Es geht um Nötigung, Belästigung von braven Bürgern und unlauteren Wettbewerb. Dabei werden hier weder Sex noch Drogen verkauft, sondern Autokennzeichen. Für zehn Euro das Paar plus Croissant und Kaffee. Aber wer Pech hat, zahlt das Dreifache für die Schilder.

Das Geschäft ist lau heute. Murat, Marbbo und Falk drücken sich vor dem Eingang der Kfz-Zulassungsstelle herum, spähen durch die Glastür ins Innere. „Den nächsten machst du“, sagt Murat zu Falk. „Brauchen Sie neue Schilder, junger Mann? Kostet nur zehn Euro.“ Der Angesprochene geht kommentarlos vorüber. „Wir sind doch freundlich, oder?“ Falk lächelt servil. „Wir haben uns gebändigt.“

Noch vor wenigen Monaten lief die Kundenakquise wesentlich offensiver. „Da warteten bis zu zwölf Leute hier, das war wie eine Mauer“, sagt Falk. Schilder-Kunden wurden ein Stück begleitet, an den Arm genommen, mit Werbematerial versorgt. Autofahrer wurden angehalten. Ziel der Maßnahmen: aktive Kundenlenkung. Weg von den Schildermachern, deren Läden direkt vor dem Eingang liegen. Hin zu den Wettbewerbern in den Randzonen, in die sich kaum jemand verirrt. Es hagelte Beschwerden von Kunden und Händlern. Das Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg richtete eine Werbeverbotszone vor dem Amt ein, die Zulassungsstelle hängte Warnschilder auf – doch das Treiben ging weiter.

Wolfgang Utsch, der mindestens drei Schilder-Container in bevorzugter Lage hat, überzog seinen Randlage-Konkurrenten Thorsten Schönherr vom „Schilder- Discount“ mit Zivilklagen wegen unlauteren Wettbewerbs. Die Klagen hatten jedoch nicht das erwünschte Ergebnis. Utsch hofft nun auf die nächste Instanz. „Ich will die Schlepper hier weghaben.“ Unterdessen legte die Gegenseite beim Verwaltungsgericht Beschwerde gegen das Werbeverbot ein. Darüber soll in Kürze entschieden werden.

Der Streit wurde bereits mehrfach mit Methoden aus dem Agitprop-Lehrbuch angeheizt. Aus unerfindlichen Gründen machte es sich im Sommer eine Gruppe von Punks mit ihren Hunden vor der Zulassungsstelle bequem. Auch derbe Rocker- Gesellen sollen sich zeitweise unter die Werber gemischt haben. Empörte Kunden riefen die Polizei oder beschwerten sich beim Amtsleiter. Die Punker und Rocker seien eine gezielte Provokation gewesen, um die Kundenwerber ins schlechte Licht zu rücken, sagt die Fraktion der Randlagenhändler. Mit den Rockern habe er nichts zu tun gehabt, entgegnet Utsch, der als distinguierter Herr mit Schal und Mantel auftritt. „Ist nicht mein Stil.“ Und die Punker? „Da steckt der Friedrich dahinter.“

Alexander Friedrich, ein sanft wirkender Mann im Wollpullover, ist Utschs Verbündeter im Kampf gegen die Kundenwerber. Von seinem Container Nr. 7 blickt er direkt auf den Behördeneingang. Früher hat er den Leuten schon mal wie ein Rummelplatzanimateur zugerufen, wenn sie aus dem Amt kamen. Dann haben sie ihm einen Kleinlaster vor die Nase gestellt, so dass von seinem Container nichts mehr zu sehen war außer dem Riesen-Werbeschild auf dem Dach. Der Kundenstrom versiegte. Irgendwann sei der Laster gestohlen worden. Jetzt parkt an der Stelle Friedrichs Privatwagen.

Auf die Punker angesprochen, wird Friedrich einsilbig, senkt den Blick, stellt eine Gegenfrage: „Finden Sie das gut, wenn Leute vor einem Amt herumstehen und Sie ansprechen?“ Die Punker, nun ja, „die wurden von verschiedenen Leuten angeheuert.“ In der Jüterboger werde ohnehin getrickst, geklaut und geneppt, sagt Friedrich. Die Jüterboger – darin sind sich alle einig – ist deutschlandweit einmalig.

Franz Schulz, Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, wird ganz leise, wenn er über die Schilder-Animiermeile spricht. „Da werden wilde Geschichten erzählt, dass einem die Haare zu Berge stehen.“

Über eines aber sind sich die meisten Schilderhändler in der Jüterboger Straße einig: In der Vorwendezeit war alles besser. „Bis 1990 kosteten Schilder überall 55 Mark“, sagt Klaus-Peter Thomas. Damals habe man gut verdient.

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