Berlin : Nesthäkchen und der alte Koffer

Transportnummer 638: Heute vor 60 Jahren wurde in Auschwitz die Kinderbuchautorin Else Ury ermordet

Andreas Conrad

Ob blond, ob braun – auch für ein kleines Mädchen keine unwichtige Frage, zumal wenn es sich anschickt, die deutschen Kinderzimmer zu erobern. Das heißt, natürlich nur die der Backfische, denn welcher Junge konnte schon was mit „Nesthäkchen“ anfangen… Winnetou und Old Shatterhand jederzeit, aber doch nicht das Plappermäulchen Annemarie Braun, Arzttochter aus dem reichen Berliner Westen, mit Stubsnäschen, kirschrotem Mäulchen und zwei Beinchen in Wadenstrümpfen, die den lieben langen Tag treppauf, treppab hopsten und keinen Augenblick stillstehen konnten.

Nicht zu vergessen die zwei winzigen Zöpfchen, gebunden mit großen, hellblauen Schleifen. In einer frühen Verlagswerbung wurden sie noch als braun beschrieben, aber als „Nesthäkchen und ihre Puppen“ dann 1918 herauskam, als erstes einer rasch auf zehn Bücher anschwellenden Reihe, da war die kleine Annemarie blond geworden. Ein durch und durch deutsches Mädel, daran wollte ihre „Mutter“, die Schriftstellerin Else Ury, auch nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen. Sie selbst hatte doch ihren Bruder begeistert in den Ersten Weltkrieg geschickt, und noch ihr 1922 veröffentlichtes Buch „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ war so sehr von glühender Vaterlandsliebe und nationalem Opferwillen durchdrungen, dass es nach 1945, bei einer Neuauflage der Reihe, lieber ausgespart wurde.

Doch auch der Patriotismus hat der Schriftstellerin nichts geholfen. „Else Sara Ury, Berlin, Solinger Straße 10“, so stand es auf dem Koffer, den die längst mit Berufsverbot belegte Autorin am 12. Januar 1943 mitnehmen durfte, eine von 1100 Berliner Juden, die mit der Transportnummer 638 vom Bahnhof Grunewald aus nach Auschwitz deportiert wurden. Heute vor 60 Jahren ist sie dort von der Rampe aus direkt in die Gaskammer getrieben worden.

Lange Zeit herrschte Unklarheit über den genauen Todestag. Erst vor wenigen Jahren stießen Schülerinnen des Schöneberger Robert-Blum-Gymnasiums beim Studium von Lagerakten auf den 13. Januar 1943 – und sie fanden den Koffer der Toten, der 1997, anlässlich einer Ury-Ausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz, den Weg zurück nach Berlin fand.

Schon in der letzten Adresse Else Urys spiegelt sich ihr Schicksal. In die Gegend um Alt-Moabit wäre sie freiwillig wohl nie gezogen. Ihre Welt war wie die ihrer berühmtesten Figur: der Berliner Westen. Am 1. November 1877 als drittes von vier Kindern des Kau- und Schnupftabak-Fabrikanten Emil Ury geboren, spielte sich ihr Leben vor allem in gutbürgerlichen, zimmerreichen Wohnungen zwischen Kantstraße und Kaiserdamm ab, oder auch in dem Haus „Nesthäkchen“, das sie sich 1926 im Dorf Krummhübel im Riesengebirge gekauft hatte.

So treudeutsch und herzig sie Nesthäkchen und die anderen Buchheldinnen auch geschildert hatte – für sich selbst wählte sie nicht den Platz an der Seite des Mannes und damit am Herd, der einer deutschen Frau, glaubte man ihren Büchern, allein zuzustehen schien. Brav hatte sie das Lyzeum absolviert, blieb danach aber zu Hause und schrieb lieber Artikel für die Wochenendbeilage der „Vossischen Zeitung“, als den nahe liegenden Weg als Lehrerin zu beschreiten. Und geheiratet hat sie, anders als Nesthäkchen, auch nie.

1905 erschien ihr erstes Kinderbuch „Was das Sonntagskind erlauscht“, ein Jahr später folgte „Studierte Mädel“, das sich schon dem Titel nach vor allem an Mädchen richtete, die fortan auch die fast ausschließliche Lesergruppe ihrer insgesamt 38 Bücher darstellten. Die ersten drei „Nesthäkchen“-Bände hatte sie bereits im Krieg geschrieben, sie wurden aber aus Papiermangel erst ab 1918 gedruckt und entwickelten sich rasch zur Pflichtlektüre im Jungmädchen-Zimmer – ein Erfolg, der trotz permanenten Naserümpfens von Kulturkritikern jeder Couleur über Generationen anhalten sollte. Mittlerweile liegt die Auflage bei rund sieben Millionen, ein weitgehend auf Deutschland beschränkter Erfolg.

Else Ury hatte aber auch alles getan, um eine Identifikationsfigur für breiteste Kreise junger Leserinnen zu schaffen. Ihre Familie war lange assimiliert, feierte Weihnachten und Ostern, auch in den Büchern spielte die jüdische Herkunft keine Rolle. „Ihr Angebot richtete sich an alle Kinder, gleich welcher Konfession“, wie Marianne Brentzel, Autorin des Buches „Nesthäkchen kommt ins KZ“, zum 60. Todestag schreibt. Erst angesichts der Verfolgungen der Juden durch die Nazis bekannte Else Ury sich zu ihrem Glauben. 1938 hatte sie ihren Neffen im Londoner Exil besucht, war aber in ihr „Lieb Heimatland“ zurückgekehrt. Und ihrem Bankdirektor, der sie zur Ausreise drängte, antwortete sie nur: „Wenn meine Glaubensgenossen bleiben, dann habe ich so viel Mut, Charakter und feste Entschlossenheit, ihr Los zu teilen.“

Marianne Brentzel: Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877 – 1943. Fischer Taschenbuch, 8,90 Euro. Nach Else Ury ist ein S-Bahn-Bogen zwischen Bleibtreu- und Knesebeckstraße in Charlottenburg benannt. In der Kantstraße 30, wo die Autorin lange Jahre wohnte, hängt eine Gedenktafel.

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