Berlin : Nestlé-Erpresser brachte den Liebhaber seiner Frau in Verdacht

Kerstin Gehrke

Der Fahrdienstleiter der S-Bahn entschied sich für einen eher ungewöhnlichen Weg, seine Liebe unter Beweis zu stellen. Karsten S. schrieb sieben Erpresserbriefe und verlangte darin 100 000 Mark von Nestlé. Um seine Forderung zu untermauern, vergiftete er Produkte des Konzerns mit Rattengift und Nitroverdünnung. Seit gestern muss er sich vor dem Amtsgericht Tiergarten wegen versuchter Körperverletzung, falscher Verdächtigung und Freiheitsberaubung verantworten.

Der 35-Jährige hatte seine Schreiben zumeist mit "Schnittchen" unterzeichnet. Das ist der Spitzname des Geliebten seiner Ehefrau, der als Süßwarentechniker bei Nestlé arbeitet. Im letzten Erpresserbrief setzte der Angeklagte gleich die vollständige Adresse des angeblichen Erpressers unter das Schreiben. "Ich kann viel größeren Schaden anrichten", drohte er. Tatsächlich geriet der Nebenbuhler kurz in Verdacht. Drei Stunden saß Oliver L. bei der Polizei. Als Karsten S. später geschnappt wurde, bezichtigte er seine Ehefrau als Mittäterin.

Der kräftige S. sagte vor der Richterin nun das, was ihm bislang geglaubt wurde: "Ziel und Zweck war es, L. zu diskreditieren, damit ich meine Frau zurückbekomme." Er habe nicht die Firma oder Personen schädigen, sondern nur den Nebenbuhler durch eine Festnahme "aus dem Weg schaffen" wollen. "Wichtig war für mich, dass ich keinen Schaden verursache", beteuerte der Fahrdienstleiter. Die präparierten Produkte habe er "immer nach hinten gestellt".

Seine Taten sprechen aber eine andere Sprache. Am 9. Oktober vergangenen Jahres öffnete er zwei Packungen "Choclait Chips weiß" und überstreute sie mit Rattengift. Die Packungen deponierte er im Regal einer Reichelt-Filiale in Tempelhof. Weil er sich nicht ernst genommen fühlte, erhöhte er eine Woche später den Druck und brachte in eine andere Reichelt-Filiale eine Packung mit fünf kleinen Törtchen. Diesmal spritzte er Nitroverdünnung in die süßen Sachen. Im ersten Fall warnte er die Filiale sehr schnell, im zweiten erst am nächsten Tag. Angeblich war dort das Telefon stets besetzt.

Wieder versuchte der schnauzbärtige S., seine 33-jährige Ehefrau mit in die Sache zu ziehen. "Sie wusste von Anfang an Bescheid", behauptete er im Prozess. Nach seinem Gefühl habe sich seine Frau, die ihn im Sommer vergangenen Jahres verlassen hatte, bei dem Anderen gar nicht so wohl gefühlt. "Die Mittäterschaft meiner Frau ist aber relativ unten, ausführendes Organ war meine Wenigkeit."

Nach mehr als drei Stunden, in denen der Neuköllner die Details seiner Erpressungsversuche einmal so und dann auch wieder etwas anders schilderte, kam der Angriff des Staatsanwalts. Wegen finanzieller Schwierigkeiten, die bei Karsten S. bestanden haben, könnte doch auch Geld ein Motiv gewesen sein. Damit stehe der Verdacht der versuchten räuberischen Erpressung im Raum. Über den Antrag der Staatsanwaltschaft, das Verfahren nun an das Berliner Landgericht zu verweisen, will das Amtsgericht am kommenden Mittwoch entscheiden.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar