Berlin : Nestlé macht dicht: 500 Stellen fallen weg

Im Dezember ist Feierabend: Der Aufsichtsrat beschloss gestern das endgültige Aus für das traditionsreiche Werk in Tempelhof

Sigrid Kneist

Jetzt ist es endgültig. Der Aufsichtsrat des Lebensmittelkonzerns Nestlé beschloss am Mittwoch, das Tempelhofer Schokoladenwerk zum Jahresende zu schließen. Knapp 500 Arbeitsplätze fallen weg. Da Teile der Produktion nach Hamburg verlegt werden, sollen nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) eventuell bis zu 150 Beschäftigte dort einen Job finden können. Auch alle Auszubildenden sollen ihre Lehre in anderen Nestlé-Werken fortsetzen können.

Bereits im November waren die Schließungspläne des Konzernvorstands bekannt geworden, jetzt fiel in Frankfurt die Entscheidung. Die Beschäftigten nahmen gestern den Beschluss bedrückt zur Kenntnis. Allerdings hatte man diesen allgemein erwartet, sagte gestern der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Hans Wagner. Jetzt müsse über einen Sozialplan und Interessenausgleich verhandelt werden. Viele Beschäftigte gehörten dem Werk schon seit Jahrzehnten an. „Erst heute hatten wir einen Jubilar, der seit 40 Jahren dabei ist“, sagte Wagner. Dass Nestlé Arbeitsplätze in Hamburg anbiete, sei zwar „honorig“, aber nicht für jeden sei es möglich, dorthin zu wechseln. Die Beschäftigten hatten bis zuletzt mit Mahnwachen, Demonstrationen und Autokorsos gegen die Schließung protestiert.

NGG-Gewerkschaftssekretär Roland Franke sagte, es gebe zudem Pläne für eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft, um 30 bis 50, vor allem schwer vermittelbare Beschäftigte aufzufangen. Konzernsprecherin Barbara Nickerson. Wirtschaftssenator Harald Wolf hatte in den vergangenen Monaten noch versucht, gemeinsam mit dem Nestlé-Vorstand nach einem Investor für das Werk zu suchen. Es sei nur ein schwacher Trost, dass es in Hamburg Jobs für einen Teil der Berliner Belegschaft geben wird, sagte Wolfs Sprecher Christoph Lang. Wäre rechtzeitig in neue Produkte und neue Produktionsanlagen investiert worden, hätte es Überlebenschancen für das Werk gegeben. An dem traditionsreichen Standort wurde zuletzt das „Yes-Torti“, ein Schokokuchen-Snack, produziert. Das Werk geriet in die Krise, als eine große Discount-Kette 1999 den Minikuchen wie auch andere Markenartikel aus seinem Sortiment nahm. Seitdem gingen die Verkaufszahlen rapide zurück. Die Ursprünge der Schokoladenfabrik reichen ins 19. Jahrhundert. 1912 entstand der Standort an der Teilestraße. Die damalige Sarotti-Fabrik mit 2000 Mitarbeitern war in den 20er Jahren die weltweit größte Schokoladenfabrik.

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