Berlin : Networking: Bewerbung zum VIP

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Jeder Berufsstand geht beim Netzwerken anders vor. Kulturschaffende produzieren als Nebeneffekt ihrer Arbeit ständig ihre eigenen Kontaktbörsen. Künstler und Galeristen treffen sich in den Galerie-Cafés und beim Galerie-Rundgang am Samstagabend in Mitte. Theaterleute wissen, was sie an ihren Kantinen und einer Theaterkneipe wie dem "Diener" am Savignyplatz haben.

Beim Versuch, auf die Gästelisten großer Events zu kommen, äußert sich der neue Ehrgeiz inzwischen ganz unverblümt: "Manche bewerben sich richtig bei uns", sagt Marein Matheu. Matheu organisiert für ihre Chefin Isa Gräfin von Hardenberg Events wie etwa die Soiree zur Filmpreis-Nominierung. "Die Leute schicken uns Lebensläufe, Kopien ihrer Personalausweise oder große Passfotos, um auf die Gästelisten zu kommen. Es ist manchmal richtig rührend, was wir da alles bekommen."

Matheu erklärt die Veränderung in den letzten fünf Jahren mit dem starken Zuzug. "Früher war Berlin nicht so eine ehrgeizige Stadt. Heute sind die Mechanismen, zu Erfolg zu kommen, raffinierter." Als Hardenberg Concept vor zwölf Jahren begann, große Galas zu organisieren, ging es angeblich noch dezenter zu. Doch die alte Berliner Gesellschaft hat viele Privilegien verloren. Neben den Neuberlinern aus den hohen Führungsetagen in Politik und Wirtschaft schrumpft manch einheimischer Ex-Hochkaräter zum "gern gesehenen Gast", wie Matheu das ausdrückt. "Hochkarätigkeit hat sich in der Stadt nach oben verschoben. Wir sind dadurch auch härter geworden."

Für Kulturschaffende war der Small Talk auf der Ausstellungseröffnung oder Theaterpremiere schon immer Arbeit. Auch wenn eine Vernissage wie Vergnügen aussieht, für manchen Gast wäre der Abend in Sporthosen vor dem Fernseher vielleicht netter geworden. Doch wer weiterkommen will, muss ausgehen. Die Notwendigkeit, dabei zu sein, sehen auch andere Berufsgruppen ein: "Zu den Vernissagen von Beate Wedekind tölpeln auch viele Kunstbanausen, um dort Kontakte zu knüpfen", sagt Matheu. "Für Rechtsanwälte zum Beispiel ist das Publikum sicherlich interessant."

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